17. Mai 2010 von Klartext

Die «Technokratin» wird sie nicht mehr los

Bild: Bundeskanzlei/zvg

Sie ist nicht mehr der Liebling der Medien, als der sie nach der Blocher-Abwahl galt. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf pflegt heute ein pragmatisches Verhältnis zu den Medien, weil sie weiss, wie leicht sich Geschichten inszenieren lassen und wie hartnäckig sich Vorurteile halten. Gespräch: Helen Oertli, Christian Zellweger*

Klartext: Frau Widmer-Schlumpf, wie ist Ihr Verhältnis zu den Medien?
Eveline Widmer-Schlumpf: Gut. Die Medien sind praktisch unsere einzige Möglichkeit, unsere Anliegen überhaupt unter die Leute zu bringen. Darum sind die Medien für uns sehr wichtig. Manchmal bilden sich die Journalisten allerdings Vorurteile. Sie geben einer Person ein bestimmtes Profil, in dem diese sich dann selbst nicht ganz wiederfindet.

KT:
Wie ist das bei Ihnen?
Widmer-Schlumpf: Ich werde gebetsmühlenartig als die kompetente Technokratin zelebriert. Im Justiz- und Polizeidepartement geht es um Rechtsfragen. In vielen Fällen ist hier der Spielraum, Politik zu machen und seine eigene Meinung zu vermitteln, beschränkt. Es ist deshalb schwierig, aus diesem Klischee herauszukommen. So nimmt man mich ausschliesslich als Berufsfrau wahr …

KT:
… deren Privatleben ausgeblendet wird?
Widmer-Schlumpf: Seit ich in der Politik bin, habe ich bewusst entschieden, meine Familie aus den Medien rauszuhalten. Ich habe meine Familie nie benutzt, um mein Image zu beeinflussen. Wenn ich zu Hause bin, bin ich die Mutter meiner Kinder. Es wird nicht hinterfragt, wenn ich in der Küche stehe und koche, nur weil ich Bundesrätin bin. Diese zwei Ebenen klar zu trennen, ist mir gelungen.

KT:
Muss man diese Ebenen voneinander trennen?
Widmer-Schlumpf: Das muss man nicht. Aber für meine Familie und mich war und ist das richtig so. Meine Kinder sollen nicht immer mit mir identifiziert werden und die Möglichkeit haben, sich selbstständig zu bewegen.

KT: In den ersten eineinhalb Jahren als Bundesrätin wurden Sie hochgejubelt, mittlerweile werden Sie in den Medien und von allen Parteien hart kritisiert.
Widmer-Schlumpf: Das ist normal. Bald kommen die nächsten Wahlen. Bis dahin wird die Kritik zunehmen. So ist das Spiel, dessen muss man sich bewusst sein.

KT: Wie können Sie davon Abstand nehmen?
Widmer-Schlumpf: Indem ich überzeugt bin, dass Politik nicht das Einzige ist, was im Leben zählt. Ich mache meine Arbeit sehr gerne, aber ich habe eine grosse innere Distanz zu allem, was ich tue.

KT: Wegen der ständigen medialen Beobachtung müssen Sie Ihre Emotionen stark kontrollieren. Tun Sie das auch zu Hause? In der «Schweizer Illustrierten» schilderten Sie eine Auseinandersetzung mit Ihrem Sohn. Er war froh, dass Sie wieder einmal aus sich herauskamen.
Widmer-Schlumpf: Ich habe das erste halbe Jahr im Bundesrat tatsächlich nicht mehr aus mir herausgehen können. Das war psychisch eine enorm schwierige Situation. Nur weil ich mich innerlich «imprägniert» habe, konnte ich sie bewältigen. Ich habe nichts mehr von mir persönlich preisgegeben und versucht durchzuhalten, ohne Emotionen zu zeigen. Irgendwann fand meine Familie, da stimme etwas nicht mehr. Meine Tochter sagte: «Du bist nicht mehr diejenige, die du warst. Wir haben nicht mehr das Gefühl, du seist unser Mami.» Das hat mir zu denken gegeben, und ich habe beschlossen, wieder normal zu werden. Man muss auch Emotionen zeigen können. Ich bin nicht humorlos und nehme auch nicht alles todernst. Ich kann auch über mich selber lachen.

KT: Wie ist es Ihnen gelungen, wieder «normal» zu werden?
Widmer-Schlumpf: Als am 1. Juni 2008 die Bündner SVP aus der Mutterpartei rausgeworfen wurde, war das für uns alle ein Befreiungsschlag. Da war die Situation endlich bereinigt. Von da an konnte ich auch wieder ich selber sein, der Druck war weg. Hätten dieser Druck, die Drohungen, Aggressionen und das Ultimatum der SVP noch ein halbes Jahr fortbestanden, weiss ich nicht, ob ich durchgehalten hätte. Die Situation war wirklich massiv.

KT: Sie sind eine zierliche Person, gelten aber als harte Chefin und Politikerin. Nutzen Sie diese Diskrepanz?
Widmer-Schlumpf: Nein. Ich habe überhaupt nie eine Rolle gespielt. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, verfolge ich sie konsequent. In diesem Sinne bin ich tatsächlich hart. Aber auch klar und berechenbar, das ist wichtig.

KT: Es gibt zu Ihrer Wahl den berühmten Film des Schweizer Fernsehens. Dort ist viel von Ihrem Taktieren die Rede.
Widmer-Schlumpf: Bei diesem Film konnten wir die Hauptsequenzen, welche darauf hindeuten sollten, dass ich etwas gespielt haben soll, relativ einfach widerlegen. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Als ich die Sequenz gesehen habe, in der wir im Zug waren und angeblich Ueli Maurer telefoniert hat, wusste ich, dass dies so nicht stimmt. Auf der Originalaufnahme des RTL-Journalisten konnte man dann deutlich hören, wie meine Begleiterin Barbara Janom Steiner, damals kantonale Parteipräsidentin und heute Bündner Regierungsrätin, gesagt hat: «Ciao Claudio, wir sind unterwegs.» Es war also eine «inszenierte» Geschichte. Wobei «inszeniert» vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist. Jedenfalls suggerierte der Film nonverbal Dinge, die nicht stimmen.

KT: Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Widmer-Schlumpf: Es war sehr schwierig, darauf zu reagieren. Das hat mich «geschlissen». Da wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, wie man mit einem Film bei den Betrachtern einen falschen Eindruck erwecken kann, ohne dass gelogen wird. Bei einem elektronischen Medium können Sie das nie mehr zurücknehmen. Das fährt massiv ein.

KT: Beim Arosa Humor-Festival haben Sie eine Auszeichnung für Ihren Humor erhalten. In der Dankesrede sagten Sie, Sie seien froh, dass auch einmal Ihre komische Seite entdeckt worden sei. Welche Eigenschaft von Ihnen könnten die Medien sonst noch entdecken?
Widmer-Schlumpf: Die Personen, die mich gut kennen, kennen auch diese Eigenschaften. Wenn meine Freunde Artikel über mich lesen, lachen sie oft da­rüber, wie ich dargestellt werde. Ich habe eigentlich gar keine Lust, all meine Facetten offenzulegen. Aber ich verfolge mit grossem Interesse, wie man mich öffentlich präsentiert.

*Helen Oertli und Christian Zellweger studieren an der ZHAW in Winterthur. Das Interview entstand im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Dozentin Barbara Lukesch.

Bundesrätin, Juristin, Mutter

Die 53-jährige Juristin Eveline Widmer-Schlumpf ist seit 2008 Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements. 1998 wurde sie als erste Frau in die Bündner Regierung gewählt. Die Tochter von alt Bundesrat Leon Schlumpf ist verheiratet und lebt in Felsberg/GR. Sie ist Mutter von drei Kindern. Ihre Wahl zur Bundesrätin Ende 2007, anstelle des offiziellen SVP-Kandidaten Christoph Blocher, führte zum Ausschluss der Bündner SVP-Sektion aus der Partei. Seit Juni 2008 ist Widmer-Schlumpf Mitglied der BDP.

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