27. April 2010 von Bettina Büsser

«Bei mir muss echt etwas laufen»

BaZ-Verleger Martin Wagner; Bild: BaZ / M. Christen

Die neuen Besitzer Tito Tettamanti und Martin Wagner wollen bei der «Basler Zeitung» «etwas bewegen und umsetzen». Ihr Vorbild dafür heisst Ringier: Auch in Basel will man im Unterhaltungsbereich wachsen.

Wird die «Basler Zeitung» (BaZ) so bald wie möglich gewinnbringend weiterverkauft? Oder auf einen rechtsnatio­nalen Kurs gebracht? Diese beiden Fragen stellte man sich auf der BaZ-Redaktion, als bekannt wurde, wer die Basler Zeitung Medien (BZM) gekauft hat: Investor Tito Tettamanti und Medienanwalt Martin Wagner.
«Wir steigen sicher langfristig ein», betont Martin Wagner gegenüber Klartext auf die Frage, ob ein schneller Weiterverkauf zu erwarten sei. «Es sind keinerlei Verkaufsabsichten da, wir wollen das Tageszeitungsmodell in unserer Medienlandschaft erhalten, rentabel machen und die Gruppe weiterentwickeln.» Wagner ist nun Verwaltungsratspräsident der BZM-Gruppe und BaZ-Verleger; er hat seine bisherige Tätigkeit in der Anwaltskanzlei «nahezu» eingestellt: «Alles ist auf meine Partner übertragen, nur Constantin Medien, Axel Springer Schweiz und die ‹Weltwoche› sowie einige ausgewählte Mandanten betreue ich weiter.»
Und wie sieht es mit der ideologischen Motivation aus? «Wenn Tito Tettamanti und ich von Medienvielfalt sprechen, sprechen wir von Meinungsvielfalt. Es müssen verschiedene Meinungen zum Ausdruck kommen», sagt Wagner. Gebe die BaZ «allen» eine Plattform, tue es ihm nicht weh, «wenn auch Meinungen vertreten werden, die nicht mir entsprechen». Wagner fordert aber von der BaZ-Redaktion eine «positive Grundhaltung» gegenüber Basel, den Behörden, Institutionen und Menschen in Basel, eine «wirtschaftsfreundlichere Note»: «Man muss sich überlegen, wer hier Arbeitgeber in der Region ist, wer etwas für die Erhaltung der Region tut. Diese Leistungen wurden mir in der Vergangenheit viel zu wenig beleuchtet. Man muss nicht in jeder Situation von einer Verschwörung ausgehen.»
Die BaZ-Redaktion hört die Meinung ihres neuen Verlegers via Chefredaktor Matthias Geering; er gehört der Konzernleitung an. Dort, so Wagner, «sieht der Chefredaktor, was im Werbe- und Lesermarkt, was im Unternehmen geschieht. An den Konzernleitungssitzungen gibt es auch regelmässig eine Blattkritik; er hört von der Konzernleitung, was gut war und was nicht gut war.»

Redaktion reagiert gelassen
Auf Rückmeldungen über die politische Ausrichtung ist die Redaktion vorbereitet – schon länger. Ende Januar hatte nämlich Christoph Blocher bei «Teleblocher» darüber sinniert, dass es «schade» wäre, wenn die NZZ die BZM übernähme, da so «Monopole in der Meinungsbildung» entstünden. Prompt kursierte das Gerücht, Blocher wolle die BaZ übernehmen, was in der Redaktion zu Diskussionen Anlass gab. «Vieles war schon diskutiert», ist zu hören. «Darum war die Reaktion auf die Übernahme durch Tettamanti und Wagner nicht so heftig.» Überhaupt werde Wagner die Zeitung ja wohl kaum an der Basler Bevölkerung, «unseren LeserInnen», vorbei nach rechts positionieren.
Offenbar ist die Stimmung auf der Redaktion pragmatisch, was auch mit der Vorgeschichte zu tun hat: «Seit Jahren wird gespart, Verleger Hagemann hat das Unternehmen nur noch abgewickelt», sagt ein Mitarbeiter. «Es braucht jemanden, der weiss, was er mit der Zeitung will. Dann ist es mir egal, wo er politisch steht.»
Auf alle Fälle hat Wagner ein neues Finanzierungsmodell: «Wir wollen die Tageszeitung qualitativ hoch stehend halten, deshalb muss ich mir daneben andere Ertragsquellen erschliessen. Wir haben eine wertvolle Dachmarke, Basler Zeitung Medien, unter dieser Dachmarke können x andere Aktivitäten laufen, die Erträge generieren. Es braucht zusätzliche Standbeine.» Ein Standbein soll dabei der Bereich Entertainment sein. Für Wagner ist die Entertainment-Strategie von Ringier «wegweisend»: «Ich würde es willkommen heissen, wenn Ringier mit uns im Bereich ‹Ticketcorner› und ‹Goodnews› kooperieren würde.»

«Wir wollen nicht fusionieren»
Darüber führt Wagner mit Ringier bereits Gespräche. Ansonsten sucht er nach «Synergiepartnern»: «Wir wollen nicht fusionieren, nicht verkaufen, sondern die Tageszeitung in der Region so stärken, dass wir in Basel die ‹local news coverage› perfekt beherrschen. Dann muss man uns als Partner auf Augenhöhe akzeptieren.»
Eine mögliche Partnerschaft sieht Wagner etwa mit Constantin Film, deren Chef Bernhard Burgener neu im BZM-Verwaltungsrat sitzt: «Wir können gemeinsam mit Constantin Film neue Zielgruppen erschliessen. Wenn Sie einen Kinofilm auf den Markt bringen und mit einem Grossverteiler oder einem Markenartikelhersteller werbemässig zusammenarbeiten, entsteht grosses Synergiepotenzial. Das möchte ich mir für die Dachmarke Basler Zeitung Medien erschliessen. Damit erreicht man auch eine stärkere Bindung zu den Kunden im Werbemarkt.»
Doch was bedeutet das für die BaZ? Darf dieser Film trotzdem negativ besprochen werden? Wagner lacht: «Ich kann nicht verhindern, dass im Kulturmagazin der BaZ jemand einen Film nicht gut findet. Das ist Meinungswettbewerb, damit kann ich leben.» Dass der redaktionelle Teil der Zeitung für Werbung benutzt wird, ist für Wagner kein Thema: «Wenn der Leser merkt, dass er für die Werbewirtschaft instrumentalisiert wird, ist die Zeitung tot. Manche Verleger haben das Tageszeitungsmodell gefährdet. Sie haben gespart, den echten Journalismus verdrängt und die Zeitungen am Schluss noch auf die Werbewirtschaft ausgerichtet. Damit sind sie völlig unattraktiv geworden.»
Eine Position, welche die BaZ-MitarbeiterInnen wohl gerne hören. Ebenso wie Wagners Einschätzung, dass er angesichts der aktuellen Zahlen «derzeit keine Notwendigkeit» sehe, Redaktionsstellen abzubauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun ruhige Zeiten auf die BaZ zukommen: Wagner gilt als jemand, der schnell denkt, gerne schnell agiert. Er sei «eher der Typ Simultan-Blitzschachspieler», bei dem man befürchten müsse, er suche sich etwas Neues, wenn er sich langweile, ist über Wagner zu hören. Diese Angst, so Wagner, sei «berechtigt»: «Bei mir muss echt etwas laufen. Und es muss eine Erfolgsgeschichte werden. Auch Tettamanti erwartet von mir, dass wir etwas bewegen und umsetzen.»

8. März 2010 von Bettina Büsser

Expansion über den Berg

Nach dem Vorbild der «Jungfrau Zeitung» im Berner Oberland entsteht im angrenzenden Ob- und Nidwalden ein neue «Mikrozeitung». Sie will sich als Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» positionieren.

Zeitungsverleger Urs Gossweiler aus Brienz im Berner Oberland ist begeistert. Was er seit Jahren angestrebt hat, soll im nahen Nid- und Obwalden Realität werden: die erste «Mikrozeitung» neben Gossweilers eigener «Jungfrau Zeitung». «Dort, wo die Leute vor 700 Jahren begriffen haben, dass man aus der Adelsknechtschaft heraus ein neues Staatskonstrukt entwickeln muss, haben die Leute heute auch begriffen, dass man ein neues Medienkonstrukt entwickeln muss», schwärmt der Berner Oberländer Verleger; es sei für ihn «eine Riesenehre».

Online gratis, Papier kostet
Wie die «Jungfrau Zeitung» soll sich die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» (ONZ) auf lokale und regionale Themen konzentrieren: «Sie erscheint online, mit einem Format für Handy und iPhone, und zweimal wöchentlich kommt sie als Printausgabe. Wir gehen davon aus, dass die Printausgabe trotz des Gratis-Online-Angebots abonniert wird. Denn die Zeitung wird so lokal sein, dass die Leute gewisse Artikel aufbewahren oder auf Papier lesen wollen», sagt Marlène Wirthner-Durrer, Vizepräsidentin der Obwalden und Nidwalden Zeitung AG und Präsidentin der Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt. Diese setzt sich für die Lokal- und Regionalmedien in Nidwalden ein, zuletzt für das «Nidwaldner Wochenblatt», das letzten Sommer eingestellt wurde. «Nun nehmen wir wieder einen Anlauf», sagt Wirthner-Durrer.
Bei dem neuen Anlauf dachte man diesmal über Nidwalden hinaus – bis nach Obwalden. Dort präsentiert sich die Mediensituation zwar ähnlich, aber ein gemeinsames Vorgehen ist nicht selbstverständlich: Die beiden Halbkantone verstehen sich aus sehr langer Tradition, die mindestens bis in die Zeit der Helvetischen Republik Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht, nicht besonders gut. So scheiterte denn auch Ende des 20. Jahrhunderts der Versuch, ein gemeinsames Spital für Ob- und Nidwalden einzurichten. «Natürlich gibt es eine Rivalität zwischen den beiden Kantonen», sagt Wirthner-Durrer. «Die Zusammenarbeit zwischen ihnen hat nicht immer gut funktioniert. Doch bisher haben wir positive Rückmeldungen, von beiden Seiten.»
Nach dem ersten Anstoss ging es ziemlich schnell: Die Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt und Unternehmer aus Obwalden trafen sich im November mit Urs Gossweiler, innert vierzehn Tagen war eine erste Nullnummer bereit, mitsamt Website und Mobile-Channel. «Alles war da», kommentiert Gossweiler. «Wir wussten, dass wir gut sind, aber das hat uns selbst etwas überrascht.» Noch im letzten Jahr wurde eine Aktiengesellschaft gegründet; im Verwaltungsrat sind neben Wirthner-Durrer der Obwaldner Unternehmer Thomas Gasser, der Nidwaldner Rechtsanwalt Armin Durrer und Urs Gossweiler. Zwischen der ONZ AG und der Gossweiler Media AG wurde eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet.

Keine Mehrheitsaktionäre
Momentan arbeitet der frühere Redaktionsleiter des NLZ-Kopfblatts «Neue Nidwaldner Zeitung», Werner Flury,­ an einer zweiten Nullnummer, die Mitte Februar in alle Haushalte Ob- und Nidwaldens verteilt wird. «Damit machen wir die Leute auf das Projekt aufmerksam und suchen weitere Aktionäre», sagt Wirthner-Durrer. Denn das bisherige Kapital von 105’000 Franken­ soll auf drei Millionen Franken anwachsen. «Es wird für Investitionen, aber auch für die Anlaufphase­ gebraucht werden, damit die ONZ sich mit der nötigen Ruhe auf dem Markt einführen kann», erklärt Gossweiler, der auch von der geplanten Struktur schwärmt: «Man will keinen Aktionär,­ der mehr als 250’000 Franken Kapital zeichnet, also keine Mehrheitsaktionäre. Und der einzige publizistische Einfluss, den die Verleger nehmen können, ist die Auswechslung des Chefredaktors.» Nach einem Chefredaktor wird im Moment gesucht. Die ONZ AG ist laut Wirthner-Durrer «im Auswahlverfahren», doch definitiv entscheiden könne man eigentlich erst, wenn feststehe, dass das Aktienkapital zusammenkomme. Dafür hat man sich bis Ende März Zeit gegeben.
Die Redaktion wird mit acht Vollzeitstellen dotiert, dazu kommen Freie; Standort der Redaktion ist Alpnach. Ein Verkaufsteam muss ebenfalls aufgebaut werden, denn die ONZ soll in Eigenregie vermarktet werden. «Das komplette Team wird am ersten April zusammen sein, am Abend des 22. April werden Online- und Mobile-Channel bereitstehen und am 23. April erscheint die erste gedruckte Zeitung», sagt Urs Gossweiler – und denkt gleich weiter: «Die Zielsetzung ist natürlich, dass die Geschichte über Ob- und Nidwalden hinaus weitergeht. Daran hat auch die ONZ Interesse. Denn je mehr multimediale lokale Plattformen eine Lizenz haben, je mehr Lizenzgebühren in die Entwicklungsabteilung nach Brienz fliessen, desto schneller und besser wird das System weiterentwickelt.»
Doch zuerst müssen die Ob- und NidwaldnerInnen zeigen, ob ihnen eine Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» wirklich drei Millionen Franken wert ist. «Ich bin nicht sicher», sagt eine Nidwaldner Medienbeobachterin. «Aber es hat zumindest Leute mit Geld hier – schliesslich sind wir steuergünstig.»

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