Aktuell – 19.08.2014

Live-TickerGate

Ist GeriGate wichtig? Bewegt es die Schweiz? Ist es eine Katastrophe? Eine Krise? Offenbar schon. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Schweizer Medien eine Pressekonferenz von Geri Müller mittels Live-Ticker unters Volks brachten?

Die "Schweiz am Sonntag" hat eine ordentlich unappetitliche Geschichte über Geri Müller, Stadtammann zu Baden und Nationalrat der Aargauer Grünen, publiziert. Sehr viele Medien haben nachgezogen; auf den Social-Media-Kanälen gab die Geschichte gar viel zu posten, zu twittern und erhielt sogar ihr eigenes Hashtag: #GeriGate. Es gab dabei sogar neue Informationen zu erfahren, die die Geschichte etwas erhellten, vielleicht sogar etwas relativierten. Soweit der heute wohl übliche Lauf der Dinge bei solchen Geschichten.

Wenn dann Geri Müller zwei Tage nach der Publikation und nach den ganzen Folgepublikationen und –Tweets und –Posts eine Pressekonferenz dazu gibt, ist das wohl eine Veranstaltung, die die Medien interessiert. Wenn sich dann aber die Medien bemüssigt fühlen, diese Pressekonferenz mittels Live-Ticker unmittelbar unters Volk zu bringen, dann ist das schlicht erschütternd: Hat dieses GeriGate wirklich eine so wichtige politische Dimension, dass jedes Wort zeitgenau eine Rolle spielt? Ging es um eine grosse Katastrophe? Um einen drohenden Kriegsausbruch? Sass das Schweizer Volk zitternd und bebend vor den Bildschirmen?

Hoffentlich nicht. Dennoch – während weltweit und auch innenpolitisch sehr viele schwer- und schwerstwiegende Dinge geschehen – servierten Schweizer Medien den GeriGate-Live-Ticker. Dass die "Aargauer Zeitung" dies tat: einigermassen entschuldbar, weil die Geschichte im Aargau spielt. Dass der "Blick" es tat: tja, das gehört wohl zum Boulevard-Business. Dass es "20Minuten" tat: dito. Dass es "Watson" tat: wahrscheinlich ebenso dito. Dass es der "Tages-Anzeiger" (und damit die ihm angeschlossenen Titel wie "Bund", baz und BZ) tat: bedauerlicherweise mittlerweile wohl ebenso dito. Aber dass es auch SRF tat: schlicht unverständlich.

Ein Dank soll an dieser Stelle an die NZZ gehen – sie machte zwar eine Geschichte zur Pressekonferenz, fasste aber immerhin zusammen und tickerte nicht, ebenso an "St. Galler Tagblatt", "Neue Luzerner Zeitung" und "Südostschweiz", die ihrer Leserschaft einen Live-Ticker ersparten und nur eine sda-Meldung aufschalteten.

P.S.: SRF wird die Geschichte heute Abend mit einem kurzfristig anberaumten "Club" weiter bearbeiten. Er heisst "Sex-Selfies aus dem Stadthaus – ein Akt mit Folgen" und, so verkündet SRF stolz: "Geri Müller spricht persönlich über die Affäre".

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1 Kommentar

#1

Von Philipp Cueni
19.08.2014
Anders als Redaktionskollegin Bettina Büsser finde ich Live-Tickerei nicht "erschütternd", allerdings auch journalistisch nicht nötig, weil der live-Charakter in diesem Falle absurd ist. Soweit der Live-Ticker aber eine Protokollfunktion hat, ist er auch informativ. Die Relevanz des Thema ist gegeben - und soll nicht zu anderen globalen oder innenpolitischen Themen aufgerechnet werden. Aber aus medienkritischer Sicht stellen sich durchaus noch einige andere interessante Fragen.

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