Aktuell – 30.10.2013

Management buy-out bei Le Temps ?

Die westschweizer Zeitung Le Temps steht zum Verkauf. Jetzt melden sich auch Kader der Zeitung als potentielle Käufer. Von Helen Brügger

Die beiden Hauptaktionäre Ringier und Tamedia hatten kürzlich bekannt gegeben, die Zeitung abstossen zu wollen und bereits die Lausanner Firma «Dimension» mit dem Verkaufsauftrag betraut. Nun melden Direktorin Valérie Boagno, Chefredaktor Pierre Veya und zwei weitere Kadermitglieder offiziell ihr Interesse an der Übernahme der Zeitung an. Sie sind auf der Suche nach Investoren für ein Übernahmeprojekt des Managements.

Die Mitarbeitenden sind am 29. November informiert worden und reagieren verhalten positiv. 2,4 Prozent der Aktien sind in Besitz der Belegschaft; diese ruft deshalb in Erinnerung, dass ihr Aktienanteil für die Zukunft des Titels entscheidend sei, wie auch immer die neue Aktionärsstruktur aussehe. Sämtliche potentiellen Käufer sind eingeladen, ihr Projekt dem Personal vorzustellen.

Unter den Interessenten, die sich bereits früher gemeldet haben, ist der Präsident der Uhrenmarke Hublot, Jean-Claude Biver, der Le Temps «aus Patriotismus» kaufen möchte. Dann die Finanzzeitung L’Agefi, die damit ihre direkte Konkurrenz auf dem Markt der Wirtschafts- und Finanzanzeigen beseitigen könnte und sich zu 49 Prozent im Besitz der Aevis Holding (Privatspitalgruppe Genolier) befindet. Auch das Duo Blocher-Tettamanti hat Interesse angekündigt: Es hat bereits mit dem Online-Magazin "Les Observateurs.ch” von Uli Windisch in der Westschweiz Fuss gefasst und möchte aus Le Temps ein weiteres Objekt im ideologisch streng definierten «Medienvielfalt»-Projekt machen.

Die Möglichkeit eines Kaufs der Zeitung durch das Management der Zeitung ist vor diesem Hintergrund ein kleiner Lichtblick, auch wenn die Belegschaft seit der grossen Entlassungswelle von Ende 2012 kaum mehr Vertrauen in die Direktion hat.

Helen Brügger

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"Wer soll den Journalismus retten?” Ein Kommentar von Philipp Cueni aus dem eben erschienenen Heft von Edito +Klartext:

Es tönt wie ein Märchen: Ein Multimilliardär aus Hawaii, Pierre Omidyar, will 225 Millionen Franken in guten Journalismus investieren. Er gründet eine Online-Nachrichtenplattform und verpflichtet dafür einige Weltstars aus dem Journalismus. Omidyar hat sein Vermögen als Erfinder der Aktionsplattform Ebay gemacht.

In der Westschweiz sagt der Uhrenunternehmer Jean-Claude Biver, er sei bereit, die Zeitung "Le Temps" zu kaufen, nachdem die Besitzer Tamedia und Ringier das Blatt zum Verkauf Angeboten haben. Er mache dies aus Liebe zur Romandie.

Es scheinen dies keine Beispiele zu sein, bei welchen Unternehmer versuchen, sich Einfluss in den Medien zu kaufen. Im Gegenteil argumentieren beide mit demokratiepolitischen Werten. Bei beiden scheint das Engagement für den Journalismus eine Herzensangelegenheit zu sein. Es ist Sozialromantik, zu meinen, reiche Gutmenschen würden den Journalismus retten.

Was man aber sagen kann: Omidyar und Biver beleben die Debatte um die Finanzierung des Journalismus. Und diese ist dringend notwendig angesichts der Anzeichen aus Verlagshäusern. So stösst der grosse und reiche Springer-Konzern in Deutschland seine traditionellen Regionalzeitungen ab, Tamedia und Ringier bieten "Le Temps" zum Verkauf, neue Online-Strategien und Paywall-Modelle überzeugen noch nicht. Auch das "Jahrbuch Qualität" bezeichnet die Finanzierungsgrundlage für den Journalismus als prekär.

Diese Situation und die unklaren Perspektiven verunsichern viele Redaktorinnen und Journalisten. Aber einleuchtende Lösungsansätze sind keine in Sicht. Gerade das Beispiel "Le Temps" zeigt die Widersprüche: Tamedia wird für die Verkaufsabsichten gerügt. Kritisiert wird aber auch, dass Tamedia in der Romandie 68 Prozent des weitverbreiteten Pressemarktes kontrolliert. Und Skepsis gibt es auch gegenüber möglichen Käufern aus dem Ausland oder von branchenfremden Unternehmern.

Nein, einfache Rezepte für die Finanzierung von Journalismus gibt es keine – so unangenehm das ist. Auch das Hoffen auf die Rettung durch Märchenprinzen wäre naiv. Deshalb darf die Debatte darüber, wie die Finanzbasis für Qualitätsjournalismus gesichert wird, nicht allein den Medienunternehmen überlassen werden, sondern muss von allen geführt werden: von den Unternehmen, von der Gesellschaft und der Politik – und die Journalistinnen und Redaktoren selbst sollten sich ebenfalls einmischen.

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