Die Berichterstattung über die Pandemie kann manchmal eine Gratwanderung sein. (Foto: Ein Graffiti in Nairobi, das vor dem Virus warnt. Keystone)

Aktuell – 16.11.2020

«Links und rechts von Corona bleiben viele relevante Themen auf der Strecke»

Die Klickzahlen bei Artikeln über die Corona-Pandemie gehen durch die Decke. Medienschaffende versuchen, ohne Alarmismus ihren Informationsauftrag zu erfüllen. Warum das manchmal eine Gratwanderung ist.

Nina Fargahi

Wie gehen die Blattmacher in den Schweizer Redaktionen mit der Corona-Pandemie um? Zählen vor allem die Klicks, oder der Informationsauftrag? Bringt man beides unter einen Hut? Zeigt die Berichterstattung den Ernst der Lage zu wenig auf, oder sind die Medien alarmistisch?

Der Vorwurf, die Medien neigten zum Alarmismus, um Klicks zu generieren, lasse sich zumindest bei Tagesanzeiger.ch nicht durch Daten stützen, sagt die Nachrichtenchefin Angela Barandun: «Bei unseren Leserinnen und Lesern funktionieren Service- und Übersichtsartikel am besten. Mit Abstand am beliebtesten war in den letzten acht Monaten das Dashboard – die Übersicht über die wichtigsten Corona-Zahlen.» Gefolgt von einem Stück, das rechtzeitig vor den Herbstferien gezeigt habe, wohin man noch verreisen könne. Natürlich sei es wichtig zu wissen, was gelesen werde. «Schliesslich wollen wir Inhalte bringen, die unser Publikum interessieren.» Wenn ein Artikel gar keine Beachtung finde, bleibe er nicht lange auf der prominentesten Position. «Gleichzeitig ist die Anzahl Klicks aber kein Argument, um mit einem Artikel aufzumachen.» Eine Nachrichtenchefin einer anderen grossen Redaktion, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: «Wir schauen auf die Klickzahlen, obwohl wir immer das Gegenteil behaupten.» Auch ein aufwendig recherchierter Artikel verschwinde von der Startseite, wenn er keine guten Zahlen liefere. «Manchmal versucht man, am Titel etwas zu ändern oder das Bild auszuwechseln, aber wenn der Artikel trotzdem keine Fahrt aufnimmt, dann wird er abgetischt.»

«Links und rechts von Corona bleiben viele relevante Themen auf der Strecke»

 

Learnings aus der ersten Welle

Was sagen die Medienwissenschaftler? Mark Eisenegger, Direktor des fög und Herausgeber des Jahrbuchs Qualität der Medien, das dieses Jahr zwei Studien zur Wahrnehmung und Qualität der Corona-Berichterstattung während der ersten Welle umfasst, sagt: «In der Publikumsbefragung hat sich herausgestellt, dass zuviel über Corona berichtet werde.» Natürlich sei das Informationsbedürfnis in der Bevölkerung sehr gross. Doch phasenweise habe die Berichterstattung über die Pandemie rund 70 Prozent ausgemacht, wie wiederum die Qualitätsstudie zur Corona-Berichterstattung zeige. Das seien exorbitant hohe Werte. Als Vergleich: Berichte über das Klima machten im Wahljahr 2019 zu Spitzenzeiten etwas mehr wie 10 Prozent aus. «Links und rechts von Corona bleiben viele relevante Themen auf der Strecke», so Eisenegger. Was sind die Learnings aus der ersten Welle? Zwar könne er noch nicht auf eine zweite Studie verweisen, doch der Umgang mit Zahlen sei besser geworden. «Es gibt beispielsweise weniger problematische Ländervergleiche, die Zahlen werden häufiger eingeordnet.» Manchmal nehme er die Berichterstattung fast zu kritisch oder skandalisierend gegenüber dem Bundesrat wahr. Was bei der ersten Welle noch als Hofberichterstattung kritisiert wurde, schlage phasenweise ins andere Extrem über.

«Die Leserschaft wird gequält mit Infektionszahlen und Verstorbenen-Statistiken»

 

Berichte über Corona im Overkill

Auch der Journalismus-Forscher Stephan Russ-Mohl übt Kritik. Rein mengenmässig seien wir überinformiert, sagt er. «Die meisten Nachrichtenmedien berichten im Overkill über Corona, weil sie in Echtzeit verfolgen können, was Klicks generiert. Vermeintlich nachfrageorientiert, reagieren sie darauf und verlieren so ihren Informationsauftrag aus dem Auge.» Er stellt fest, dass das Berichtete oftmals nicht eingeordnet werde. «Die Leserschaft wird gequält mit Infektionszahlen und Verstorbenen-Statistiken, doch über Ansteckungsrisiken oder warum zum Beispiel internationale Zahlenvergleiche wenig aussagekräftig sind, wird zu wenig berichtet.» Leider fehle es in den meisten Redaktionen an Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, die das leisten könnten. Die Berichterstattung über die zweite Welle sei immerhin deutlich differenzierter als die über die erste, so Russ-Mohl.

Für viele Medienschaffende ist die Berichterstattung über die Pandemie eine Gratwanderung. Man will die Bevölkerung informieren, die Lage analysieren, die Pressekonferenzen der Behörden einordnen, gewichten und kommentieren. Gleichzeitig steht man unter Druck, die neuesten Zahlen möglichst schnell mit Push-Nachrichten zu verschicken und der «Performance» der jeweiligen Artikel Rechnung zu tragen. Denn das Monitoring der Zahlen gehört mittlerweile in den meisten Redaktionsstuben zum Alltag.

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