Aktuell – 11.04.2015

NZZ-GV: Keine "Revolution"

Keine Abwahl, keine kürzere Amtsdauer für die Verwaltungsräte, aber viel Kritik – und vor allem ein auffallendes Engagement von ehemaligen NZZ-Mitarbeitenden für "ihre" Zeitung und "ihr" Unternehmen: Das ist das Fazit der Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe. Von Bettina Büsser

"Damit es nicht zu schläfrig wird" – mit diesen Worten wurden am Samstagvormittag vor dem Zürcher Kongresshaus Flugblätter verteilt. "Es" war die Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe, das Flugblatt richtete sich an die NZZ-Aktionärinnen und –Aktionäre und gipfelte in der Forderung, NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod nicht wiederzuwählen und NZZ-CEO Veit Dengler für seine Dienste zu danken und ihm "eine politische Laufbahn in seiner Heimat zu ermöglichen" (ganzer Text des Flugblatts am Ende des Artikels). Die ankommenden Aktionärinnen und Aktionäre nahmen das Flugblatt zumeist höflich entgegen.

"Schläfrig" wurde es an der NZZ-GV nicht. Davon zeugt die Tweet-Schwemme unter #nzzgv; sie zeigt auch das grosse Interesse an der NZZ-GV, denn #nzzgv war am Samstagvormittag Topthema der Twitter-Trends. Die GV hatte im Vorfeld viel Interesse geweckt – keine Überraschung nach der "Causa Somm" und der Schliessung der NZZ-Druckerei in Schlieren und der massiven Kritik an NZZ-Verwaltungsrat und –CEO nach diesen Schritten sowie nach der Ankündigung der "Freunde der NZZ", eine einjährige Amtsdauer für den Verwaltungsrat zu beantragen.

Viel Kritik, ein Häuchlein von Selbstkritik

Das Resultat der GV aber ist unspektakulär: Nach (zum Teil harscher) Kritik von verschiedener Seite an der NZZ-Führung und nach einem Häuchlein von Selbstkritik von Seiten dieser Führung bleibt alles beim Alten. Die Aktionärinnen und Aktionäre der NZZ haben Jahresbericht und Jahresrechnung genehmigt (23’896 Ja-Stimmen, 333 Nein-Stimmen, 1832 Enthaltungen) und dem Verwaltungsrat und der Unternehmensleitung Dechargé erteilt (19’514 Ja-Stimmen, 3458 Nein-Stimmen, 2158 Enthaltungen). Sie haben ausserdem den Antrag der Gruppierung "Freunde der NZZ" abgelehnt, die eine einjährige Amtszeit für die Verwaltungsratsmitglieder – und damit eine stärkere Kontrolle – forderte (8919 Ja-Stimmen, 16’610 Nein-Stimmen, 534 Enthaltungen). Und sie haben die Verwaltungsräte, die an dieser GV zur Wiederwahl standen, alle wiedergewählt: Christoph Schmid und Bernd Kundrun – und auch den Verwaltungsratspräsidenten Etienne Jornod; er erhielt 20’738 Ja-Stimmen, 3583 Nein-Stimmen und es gab 1722 Enthaltungen. Ausserdem sprachen sich die Aktionärinnen und Aktionäre für eine Dividende von 100 Franken pro Aktie aus – wie vom Verwaltungsrat beantragt.

"Ein Denkzettel sieht anders aus", "wars das jetzt mit der revolution?" lauteten denn auch Tweets zum Ende der Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe. Was aber bleibt, ist das Engagement von Redaktion und früheren NZZ-Mitarbeitenden für ihr Medium: Die Redaktion hat in der Somm-Geschichte einig und laut reagiert. Manche von ihnen haben Aktien gekauft, um an dieser GV teilzunehmen. Überdies war es ein ehemaliger NZZ-Auslandredaktor, Reinhard Meier, der an der GV der Antrag auf Nicht-Wiederwahl von Etienne Jornod stellte. Ausserdem waren die Flugblattverteiler vor dem Kongresshaus – dass es so etwas gab, war eine Premiere an einer NZZ-GV – frühere Mitglieder der NZZ-Redaktion.

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"Die Flugblätter sind eine private Aktion, wir sind alles ehemalige NZZ-Mitarbeitende", sagte einer der Verteiler, der frühere NZZ-Auslandredaktor Jürg Dedial. Er hat das Flugblatt unterzeichnet, gemeinsam mit dem früheren Auslandredaktor Oswald Iten, dem früheren NZZ-Wirtschaftsredaktor Reinhold Gemperle, dem früheren Leiter Beilagen bei der NZZ, Werner Ehrensperger, dem früheren Leiter Film und Fernsehen bei der NZZ, Wolfgang Frei, sowie dem früheren Head of Public Affairs der Winterthur-Gruppe und Head Executive Relations bei der CS, Roger E. Schärer.

… in ein paar Jahren heruntergewirtschaftet

"Wir wollen mit dem Flugblatt ein Zeichen setzen gegen die aktuelle Entwicklung", so Dedial weiter und verweist auf die Schliessung der NZZ-Druckerei, aber auch darauf, dass "man auf Digital setzt, während das Geld immer noch aus dem Print kommt" und dass weder die Mitglieder des Verwaltungsrats noch der CEO fachliches Wissen über die Medienbranche mitbringen, "zu ersten Mal in der Geschichte der NZZ": "Wenn es so weitergeht, ist das Unternehmen in ein paar Jahren heruntergewirtschaftet."

Naturlich ist Dedial nach der GV enttäuscht über deren Ausgang. Doch sein Engagement wie auch das seiner Mitstreiter ist noch nicht vorbei: "Wir schauen weiter, was wir machen können."

*****

Text des Flugblatts, das vor der GV verteilt wurde:

Wie lange noch?

Sehr geehrte Aktionärinnen, sehr geehrte Aktionäre der NZZ,

Die NZZ befindet sich in der grössten Krise seit Jahrzehnten. Ihr Ruf ist ramponiert, ihre Führung agiert orientierungslos, es herrscht Chaos in Verwaltung und Redaktion. Letztere, traditionell die führende Kraft der NZZ und verantwortlich für deren Weltruf, wird von Managern und Bürokraten an den Rand gedrängt und in ihrer Arbeit immer mehr behindert. Dass sich diese verhängnisvolle Entwicklung negativ auf die Qualität auswirkt, ist offenkundig. Eine Besserung ist unter der gegenwärtigen Führung nicht in Sicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,
der Verwaltungsrat und die Unternehmensführung der NZZ müssen heute Stellung nehmen zu diesen Zuständen. Bevor Sie Ihr Urteil über die Leistung dieser Gremien fällen, stellen Sie sich folgende Fragen:

– Wie weit sind Verwaltungsrat und Unternehmensleitung verantwortlich für die missliche Lage der NZZ?

– Wie konnte der Verwaltungsrat es zulassen, dass die Unternehmensleitung in einer Nacht- und Nebelaktion die bestens ausgelastete NZZ-Druckerei in Schlieren abstösst, über 120 Angestellte entlässt und das Druckgeschäft ausgerechnet der Hauptkonkurrenz von Tamedia ausliefert? Prompt ist der Coop-Grossauftrag verlorengegangen. Die offiziellen Begründungen sind fadenscheinig und von Fachleuten längst widerlegt worden. Die NZZ hat einen enormen Imageschaden erlitten.

– Was ist von einem Verwaltungsrat zu halten, der nach der Entlassung des Chefredaktors Markus Spillmann ausgerechnet einen Blocher-Anhänger ins Boot holen will? Die Reaktionen in Politik und Wirtschaft sind dementsprechend vernichtend.

– Wie konnte der Verwaltungsrat für den Posten des CEO einen branchenfremden, mit den Gegebenheiten der Schweiz völlig unvertrauten österreichischen Jung-McKinseyaner berufen? Dessen erklärtes Interesse gilt eine Karriere in der österreichischen Innenpolitik – er möchte Minister werden, wie er öffentlich bekannte.

– Wie konnte der Verwaltungsrat es zulassen, dass dieser CEO das Geld der NZZ förmlich zum Fenster hinauswirft und eine Bürokratisierung ohnegleichen in Gang setzt? Wieso hindert er ihn nicht daran, praktisch alle Ressourcen in den defizitären Online-Bereich zu investieren, ohne dass dieser den Ansprüchen der NZZ gerecht wird?

– Warum hat der VR nicht verhindert, dass sich der CEO mit der Plattform "nzz.at" ein sündhaft teures Steckenpferd in Wien zimmert, das allein seiner Imagepflege dient und der NZZ nichts nützt?

– Weshalb schiebt der Verwaltungsrat dem Verscherbeln weiteren Tafelsilbers wie dem Verkauf der Liegenschaft an der Mühlebachstrasse nicht einen Riegel? Und wie rechtfertigt er die eigenen "Entschädigungen" sowie die satten "Bonusabgrenzungen" (sic!) der oberen Kader (2014: plus 22 Prozent), wenn die produktiven Teile der NZZ jeden Rappen zweimal umdrehen müssen?

– Warum sorgt der Verwaltungsrat nicht endlich dafür, dass der wohl wichtigste NZZ-Geschäftsbereich überhaupt, der Anzeigenbereich, auf Vordermann gebracht wird?

– Was gedenkt der Verwaltungsrat zu tun, um den Boykott massgebender Inserenten als Folge solcher Fehlleistungen zu stoppen? Glaubt er, die NZZ könne sich eine solch gravierende Entwicklung leisten?

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
Nehmen Sie Ihre Verantwortung als Besitzerinnen und Besitzer der NZZ wahr. Verwaltungsrat und Unternehmensleitung verdienen Ihr Vertrauen nicht mehr. Diese Organe haben das einstige Flaggschiff der Schweizer Presse in eine Krise geführt, es der Lächerlichkeit preisgegeben und unverantwortbaren Risiken ausgesetzt. Verweigern Sie den beiden Führungsgremien die Entlastung, verhindern Sie die Wiederwahl des VR-Präsidenten, fordern Sie eine ausserordentliche GV und beauftragen Sie einen neuen Verwaltungsrat, dem CEO für dessen Verdienste zu danken und ihm eine politische Laufbahn in seiner Heimat zu ermöglichen. Die NZZ kann sich eine solche Führung nicht länger erlauben.

Dr. Jürg Dedial, Erlenbach ZH
Dr. Oswald Iten, Aegeri ZG
Werner Ehrensperger, Zürich
Wolfgang Frei, Hombrechtikon
Roger E. Schärer, Feldmeilen
Dr. Reinhold Gemperle, Thalwil

*****

Hinweis in eigener Sache: In der demnächst erscheinenden Nummer von "Edito+Klartext” findet sich ein Interview mit NZZ-CEO Veit Dengler, das noch vor der GV geführt wurde.

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1 Kommentar

#1

Von NZZ-GV: Viel Lärm … und alles bleibt beim Alten | Medienspiegel.ch
13.04.2015
[…] NZZ-GV: Keine “Revolution” (Bettina Büsser, «Edito+Klartext») […]

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