Röstigraben – 22.10.2020

Peter Rohrbach: Seitenrevision? Keine Zeit!

Peter Rohrbach ist seit 2008 als Teilzeit-Korrektor für die WOZ tätig. Davor war er fast 20 Jahre lang Korrektor beim Tages-Anzeiger.­

Verzweifelt versucht eine gefährdete Gattung ihr Aussterben zu erstrecken: Korrektorinnen und Korrektoren, welche für hastig produzierte und gelesene Medienprodukte wie Tages- oder Onlinezeitungen arbeiten.

Medienmanager verweisen treuherzig auf technologische und ökonomische Zwänge, was auf Deutsch heisst: Kapitalgeber werden stets zulasten der Arbeitenden bevorzugt und Arbeitskosten dort reduziert, wo es leichtfällt. (Haben aber die zahllosen Kahlschläge und Lohnkürzungen aus dem «Tages-Anzeiger» eine bessere Zeitung gemacht?) Die NZZ drückt die Lohnsumme, indem sie Korrektorinnen in Banja Luka (Bosnien und Herzegowina) beschäftigt, das Stammhauskorrektorat wurde vorgängig dezimiert. Anderseits hat es das eingeschüchterte Korrektoratspersonal in den letzten Jahren generell versäumt, sich zur Wehr zu setzen.

Der Arbeitsalltag im Tagespresse-Korrektorat ist Hochleistung: Pro Mitarbeiter immer mehr Text in immer kürzerer Zeit. Die Arbeitsabläufe gleichen einem repetitiven Stakkato: Erstlesung im TGV-Tempo. Recherchen? Vergiss es! Zweitlesung? Entfällt! Seitenrevision? Keine Zeit mehr! Und oftmals ersetzt die Fehlererkennung des Satzprogramms eine seriöse Lesung. Merkwürdigerweise scheinen die daraus entstehenden Presseerzeugnisse oft besser, als es die lamentablen Arbeitsbedingungen in Redaktion und Korrektorat sind. Die Medienmanager freuts.

Zu beklagen ist aber auch das allmähliche Schwinden einer qualitätsbewussten und qualitätfordernden Leserschaft. Sie dürfte inzwischen resigniert haben unter dem langjährigen Umerziehungsprogramm der Medienbesitzer: Finde dich, Leserin, Leser, gefälligst mit unkorrigierten Fehlern und Abopreiserhöhungen ab! Die guten alten Zeitungen und Zeiten sind vorbei!

Wäre also die Arbeit von Korrektoraten, denen noch gründlich und seriös zu wirken erlaubt wird ‒ wie etwa in der WOZ, der «Republik» und weiteren Medien ‒, nicht besser zu honorieren? Etwa indem man deren Produkte liest und abonniert…

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