«Brief an …» – 17.03.2021

Sehr geehrter Herr Somm

Sie haben einst – lange ist’s her – in einer grossen Weltwoche-Analyse den «landesüblichen Neid» als eine der Ursachen für die Abwahl von Christoph Blocher ausgemacht. Wir wollten nicht daran glauben. Doch nun müssen wir zähneknirschend eingestehen: Ja, diesen landesüblichen Neid gibt es. Auch bei uns.

Denn: Wir beneiden Sie.

Zum Beispiel um Ihr Umfeld: Sie wollen sich eine Satirezeitschrift kaufen und fragen etwa 100 Leute, die Sie kennen, an. Und schon haben Sie sechs bis sieben Millionen zusammen. In Ihrem Umfeld gibt es also 60 bis 70 Personen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, schnell mal 100 000 Franken für Ihr Projekt hinblättern. Und das wahrscheinlich, ohne auf ihr Pensionskassenkapital zurückgreifen zu müssen.

Wir beneiden Sie aber auch um Ihre Unbeschwertheit. Vielleicht ist es auch Ihre, wie Sie es nennen, «liberal-libertäre» oder «brutal liberale» Haltung, die Sie so locker macht. Wie auch immer: Sie schaffen es, ganz entspannt eine Satirezeitschrift zu übernehmen, obwohl sich Ihr journalistisches Wirken von Tages-Anzeiger über Weltwoche, Basler Zeitung bis zur SonntagsZeitung zwar durch sehr, sehr viel Meinungsstärke, aber nicht eben durch viel Witz auszeichnet. Sie räumten zwar ein, «wenig» von Satire zu verstehen, dennoch werden Sie als Nebelspalter-Chefredaktor darüber entscheiden.

Einen ersten Vorgeschmack haben Sie uns in Interviews bereits gewährt: Vielfalt ja, aber die Linken «bitten uns ja geradezu darum», mit Satire angegriffen zu werden. Denn der «linke Bünzli», der «in unseren Kreisen, also etwa in den Medien, aber auch in den Schulen, Universitäten, in der Kirche», die Mehrheit habe, sei «zu angepasst, zu ängstlich» für den «Widerstreit der Argumente».

Eine Mehrheit anzugreifen: Das braucht quasi winkelriedsche Unerschrockenheit. Auch darum beneiden wir Sie. Doch noch mehr beeindruckt uns Ihr Mut, eine sehr gut verankerte und definierte Marke kurzerhand umzukrempeln: Der Nebelspalter soll künftig nicht mehr nur Satire bringen, sondern mehrheitlich «Recherchen, Analysen und Kommentare» mit Schwerpunkt auf der Schweizer Politik (u. a. «der Staat und seine Irrwege»).

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Es ist, wie wenn jemand einen gut eingeführten Teppichhandel kauft und dann entscheidet, künftig mehrheitlich Wurstwaren anzubieten. Interessant. Und natürlich beneidenswert mutig.

Findet, freundlich grüssend,

EDITO

PS. Eine Frage bleibt: Wird das Image vom Nebelspalter auf Sie abfärben oder umgekehrt? Geschieht Ersteres, werden Ihre politischen Analysen vielleicht plötzlich als Parodien aufgefasst. Und wenn Sie wieder einmal in einem TV-Talk verärgert schweigen, wird sich das Publikum auf die Schenkel hauen und sagen: «Ist schon ein Komödiant, der Somm.»

Bettina Büsser

Redaktorin EDITO

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