Hat gut lachen: Tamedia-Präsident Pietro Supino. (Keystone)

Aktuell – 17.01.2020

Sehr geehrter Herr Supino

«Tamedia und Red Bull erweitern Partnerschaft» lasen wir unlängst in einer Tamedia-Medienmitteilung.Und nun haben wir beim Lesen von Tamedia-Produkten immer so ein seltsam süssliches Gschmäckle im Mund.

Das ist natürlich Unsinn. Die «Partnerschaft» beschränkt sich darauf, dass die Red-Bull-Magazine Bergwelten, Innovator und The Red Bulletin künftig Medientiteln von Tamedia beigelegt und von dieser werbemässig vermarktet werden. Das ist doch alles, sehr geehrter Herr Supino?

Ganz sicher sind wir nicht. Schliesslich haben Sie in letzter Zeit signalisiert, dass Sie die «Mauer» zwischen Werbung und journalistischen Inhalten nicht für das, sagen wir mal, Aller-Aller-Aller-Wichtigste halten. Ihre Reaktion auf einen Brief von weit über 100 Journalistinnen und Journalisten, die für Tamedia arbeiten, lässt auf jeden Fall darauf schliessen.

Im Brief hatten die Mitarbeitenden kürzlich laut Klein Report ihre Besorgnis über Native-Advertising-Artikel in den Tamedia-Produkten ausgedrückt. Beziehungsweise darauf hingewiesen, dass sie gewisse derartige Artikel – nur im eher Kleingedruckten mit «Sponsored» und «Anzeige» als Werbung deklariert  – nicht mittragen wollen. Weil diese darauf abzielten, die Leserinnen und Leser über den Anzeigencharakter zu täuschen.

Das kann man so sagen. Schliesslich definiert auch die Abteilung «Commercial Publishing», die bei Tamedia für solche Werbeformen zuständig ist, Native Advertising als «bezahlte Werbung, die sich weder durch ihren Inhalt, noch durch ihre Form wesentlich von einem herkömmlichen journalistischen Inhalt unterscheidet».

Deshalb, so «Commercial Publishing» weiter, sei «eine transparente, gut sichtbare Deklaration zwingend». Doch bereits im Mai hat der Presserat die konkrete Umsetzung bei Tamedia kritisiert: Er stellte fest, bei Native-Advertising-Texten in verschiedenen Tamedia-Produkten sei die Richtlinie 10.1., «Trennung zwischen redaktionellem Text und Werbung», nicht respektiert worden.

Tamedia versprach in der Folge, den Hinweis «Sponsored» künftig grösser abzubilden. Sie, sehr geehrter Herr Supino, haben in Ihrer Antwort auf den Brief der Mitarbeitenden festgehalten, Native-Advertising-Texte seien bei Tamedia-Produkten eindeutig als kommerzielle Botschaften erkennbar. Alles kein Problem also.

Doch auch wenn, sehr geehrter Herr Supino, eben das Jubiläum des Mauerfalls in Berlin gefeiert wurde: «Die Mauer muss weg!» ist nicht in allen Lagen ein gutes Konzept. Das würden manche Ostdeutsche unterschreiben. Aber auch eine Menge von Kundinnen und Kunden Ihrer Produkte, die Leserinnen und Leser. Denn sie bezahlen für journalistische Inhalte. Und nicht für Inhalte, die zu Werbezwecken Journalismus vortäuschen.

Von der Mauer winkend, grüssen wir Sie freundlich

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