Aktuell – 10.01.2022

Philipp Loser über eine neue Art der Verachtung

Carte Blanche von Philipp Loser*

Als Journalist macht man in diesen Tagen eine neue Erfahrung: Menschen lehnen einen ab, bevor man überhaupt nur ein Wort gesagt hat. Qua Beruf. Das ist etwas anderes als die Verachtung, die man als Journalist bei einer – sagen wir mal – Delegiertenversammlung der SVP oder am Rande einer Demonstration des antifaschistischen Widerstands erfährt. Diese Ablehnung ist hart erarbeitet, sie gründet in persönlichen Erfahrungen und ist meist das Resultat von kritischer Berichterstattung. (Manchmal auch von persönlicher Verletztheit.)

Seit Corona gibt es leider eine neue Art der Verachtung. Eine ansatzlose, grundlose, eine verstörende. Während der Pandemie hat sich unter vielen Menschen, die Corona und die Massnahmen dagegen kritisch sehen, eine neue Wahrheit durchgesetzt (es ist leider nicht die einzige neue «Wahrheit»): Dass die Medien und alle Journalistinnen und Journalisten vom Bundesrat gesteuert sind. Dass wir ­genau das schreiben, was uns die Menschen im Bundesamt für Gesundheit, was uns Alain Berset und Lukas Engelberger vorgeben. «Mainstream-Medien» für all die Schlafschafe, die immer noch nicht begriffen haben, dass hier etwas viel Grösseres stattfindet.

Wir haben so lange über Fake News geredet, dass ein Teil der Leute jetzt tatsächlich daran zu glauben scheint.

Dagegen ist wahnsinnig schwierig zu argumentieren. Eigentlich unmöglich. Einem Mitglied der SVP kann ich erklären, was ich an seiner Politik für verfehlt halte (und was für richtig), selbst mit einem Mitglied der Antifa kann man in einem guten Moment über Gentrifizierung und die Auswüchse des Kapitalismus streiten.

Diese Art von Debatte ist mit Coronaskeptikern fast nicht mehr möglich. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, braucht es ein Minimum von gegenseitigem Verständnis, ein Minimum von geteilten Gewissheiten. Offensichtlich scheinen diese immer weniger zu werden. Was wir im Diskurs in anderen Ländern schon seit Längerem sehen, gibt es nun plötzlich auch in der Schweiz. Wir haben so lange über Fake News geredet, dass ein Teil der Leute jetzt tatsächlich daran zu glauben scheint.

Werbung

Shit. Ich bin einmal in diesen Beruf eingestiegen, weil ich daran geglaubt habe, dass der Journalismus und die von ihm vermittelten Wahrheiten (egal, wie subjektiv sie auch gefärbt sein mochten) ein existenzieller Bestandteil der öffentlichen Debatte sind. Dass es uns und unsere Arbeit braucht, damit überhaupt ein ­öffentlicher Raum für Streit entstehen kann. Damit die Demokratie funktioniert! Daran glaube ich noch immer. Allerdings fällt es mir schwerer als auch schon.


*Philipp Loser, geboren 1980, ist Inlandredaktor beim Tages-Anzeiger. Er studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Basel. Loser hat das Buch «Der Fall FDP» (Rotpunktverlag) geschrieben. Er wohnt mit seiner Familie in Basel.

Aktuell

alle Beiträge

Ihr Kommentar

Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* = erforderlich

Sicherheitscode *