Aktuell – 11.04.2018

Storytelling rettet ­den Journalismus nicht

Storytelling, Storytelling, Storytelling. Jeder Workshop für Online-Journalismus scheint ohne diesen Begriff nicht mehr auszukommen. Er war mir von Anfang an suspekt. Der Anglizismus ist es nicht, ich schwöre. Es geht viel tiefer.

Vor sechs Jahren kam unter dem Konzept des multimedialen Story­telling die Online-Reportage «Snow Fall» der «New York Times» heraus. «Oh!», «Ah!», rief ich begeistert. Ich hatte das erste Mal eine solche Geschichte vor mir. Sie erzählte von einer Lawine im Staat Washington und den Ereignissen rundherum. Wo man hinsah, knisterte es vor Innovation. Bewegte Schneeverwehungen begrüssten den Leser. Es folgte ein transdisziplinäres Schlaraffenland aus Grafiken, Videoclips, interaktiven Tools und erstklassigen Bildern. Ich scrollte mich in die Zukunft.

Doch leider – trotz Storytelling – blieb mir von «Snow Fall» nichts in Erinnerung ausser dem wehenden Schnee. Rein gar nichts. Wieso? Weil ich mich nicht auf den Text konzentriert hatte. Ich klickte mal dort und mal da und vergass schlicht zu lesen. Und – was noch peinlicher ist – das Thema interessierte mich nicht ­einmal.

Seither habe ich immer wieder versucht, diesen Formaten eine Chance zu geben. Storytelling ist ja auch in aller Munde. Es muss doch gut sein, dieses Ding, dessen Bedeutung mir übrigens nicht einmal Journalisten genau erklären können («Geschichten erzählen eben!»).

Dieselbe «New York Times» trumpfte dann auch vier Jahre später mit einer Multimedia-Storytelling-Reportage über den Konflikt im Südchinesischen Meer auf: «A Game of Shark and Minnow». Das Meer plätscherte, Motoren dröhnten, gefangene Fische zuckten in Körben. Diesmal interessierte mich das Thema sogar, doch wieder kam dieses schlechte Gefühl auf. Ich machte mich schlau.

Storytelling als Methode wird im Marketing schon lange benutzt, um Konsumenten mittels einer Geschichte an ein Produkt zu binden. Denn Geschichten – so wissen  die Werber – sind Emotions-Träger. Sogenannte Influencer praktizieren dies zum Beispiel, indem sie die beworbene Ware scheinbar in ihr Leben integrieren und sich dabei filmen und fotografieren. Schon das ist mir nicht ganz geheuer.

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Richtig besorgniserregend ist aber, dass diese Storytelling-Hülle mittels einer Multimedia-Show um journalistische Texte herum gestrickt werden soll. Eine Story um die Story herum. Erstickungsgefahr! Gibt es kein anderes Mittel gegen schwindende Leserzahlen?

Wie wäre es mit mehr Vertrauen in die Intelligenz des Lesers und die Schreibkunst des Journalisten als Zukunftsvision? Gefragt ist mehr Mut zu extravaganten, ungemütlichen Themen und Sichtweisen. Die Schreibkunst soll nicht stagnieren, weil man alles mit Multimedia anreichern kann.

Ich will den Flow einer guten Story erleben, von den Worten selbst getragen werden, die ­Geschichte in meinem Kopf nachkonstruieren. Das ist die beste Emotion, die man beim Lesen erleben kann. Geheimtipp: Online hat es auch Platz für längere Texte.

Erklärstücke ohne Storytelling sind übrigens auch machbar. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich einfach mal Fakten reinziehen wollen. So schlimm ist das gar nicht. Man kann wunderschöne Infografiken ohne Story machen. Es ist entspannend, nur etwas auf einmal zu konsumieren. Das werden auch Podcast-Hörer bestätigen.

Ich hoffe, die Zeiten des Multimedia-Storytelling-All-You-Can-Eat neigen sich dem Ende zu. Gezielter Einsatz in minimaler Dosis wäre wünschenswert.

Autorin
Julia Kohli ist Studentin Kulturpublizistik, freie Journalistin und Produzentin NZZ.

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