Aktuell – 23.04.2018

Storytelling rettet ­den Journalismus nicht

Storytelling, Storytelling, Storytelling. Jeder Workshop für Online-Journalismus scheint ohne diesen Begriff nicht mehr auszukommen. Er war mir von Anfang an suspekt. Der Anglizismus ist es nicht, ich schwöre. Es geht viel tiefer.

Vor sechs Jahren kam unter dem Konzept des multimedialen Story­telling die Online-Reportage «Snow Fall» der «New York Times» heraus. «Oh!», «Ah!», rief ich begeistert. Ich hatte das erste Mal eine solche Geschichte vor mir. Sie erzählte von einer Lawine im Staat Washington und den Ereignissen rundherum. Wo man hinsah, knisterte es vor Innovation. Bewegte Schneeverwehungen begrüssten den Leser. Es folgte ein transdisziplinäres Schlaraffenland aus Grafiken, Videoclips, interaktiven Tools und erstklassigen Bildern. Ich scrollte mich in die Zukunft.

Doch leider – trotz Storytelling – blieb mir von «Snow Fall» nichts in Erinnerung ausser dem wehenden Schnee. Rein gar nichts. Wieso? Weil ich mich nicht auf den Text konzentriert hatte. Ich klickte mal dort und mal da und vergass schlicht zu lesen. Und – was noch peinlicher ist – das Thema interessierte mich nicht ­einmal.

Seither habe ich immer wieder versucht, diesen Formaten eine Chance zu geben. Storytelling ist ja auch in aller Munde. Es muss doch gut sein, dieses Ding, dessen Bedeutung mir übrigens nicht einmal Journalisten genau erklären können («Geschichten erzählen eben!»).

Dieselbe «New York Times» trumpfte dann auch vier Jahre später mit einer Multimedia-Storytelling-Reportage über den Konflikt im Südchinesischen Meer auf: «A Game of Shark and Minnow». Das Meer plätscherte, Motoren dröhnten, gefangene Fische zuckten in Körben. Diesmal interessierte mich das Thema sogar, doch wieder kam dieses schlechte Gefühl auf. Ich machte mich schlau.

Storytelling als Methode wird im Marketing schon lange benutzt, um Konsumenten mittels einer Geschichte an ein Produkt zu binden. Denn Geschichten – so wissen  die Werber – sind Emotions-Träger. Sogenannte Influencer praktizieren dies zum Beispiel, indem sie die beworbene Ware scheinbar in ihr Leben integrieren und sich dabei filmen und fotografieren. Schon das ist mir nicht ganz geheuer.

Richtig besorgniserregend ist aber, dass diese Storytelling-Hülle mittels einer Multimedia-Show um journalistische Texte herum gestrickt werden soll. Eine Story um die Story herum. Erstickungsgefahr! Gibt es kein anderes Mittel gegen schwindende Leserzahlen?

Wie wäre es mit mehr Vertrauen in die Intelligenz des Lesers und die Schreibkunst des Journalisten als Zukunftsvision? Gefragt ist mehr Mut zu extravaganten, ungemütlichen Themen und Sichtweisen. Die Schreibkunst soll nicht stagnieren, weil man alles mit Multimedia anreichern kann.

Ich will den Flow einer guten Story erleben, von den Worten selbst getragen werden, die ­Geschichte in meinem Kopf nachkonstruieren. Das ist die beste Emotion, die man beim Lesen erleben kann. Geheimtipp: Online hat es auch Platz für längere Texte.

Erklärstücke ohne Storytelling sind übrigens auch machbar. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich einfach mal Fakten reinziehen wollen. So schlimm ist das gar nicht. Man kann wunderschöne Infografiken ohne Story machen. Es ist entspannend, nur etwas auf einmal zu konsumieren. Das werden auch Podcast-Hörer bestätigen.

Ich hoffe, die Zeiten des Multimedia-Storytelling-All-You-Can-Eat neigen sich dem Ende zu. Gezielter Einsatz in minimaler Dosis wäre wünschenswert.

Autorin
Julia Kohli ist Studentin Kulturpublizistik, freie Journalistin und Produzentin NZZ.

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#1

Von Melina Garibyan
23.04.2018
Liebe Julia Kohli,
es ist immer wieder gut einen erfrischend anderen Beitrag zu lesen, der nicht auf der Storytelling-Mainstreamwelle surft. Im Marketing, in PR und im Coaching wird dieser Begriff ja leider ausgeschlachtet. Aber genau da liegt das Problem. Storytelling wird als Methode dargestellt (auch von Ihnen), die sie nicht ist. Storytelling ist eine Denkweise und wir machen es schon seit immer. Wer sich wirklich mit Storytelling beschäftigt, kennt alle narrativen Methoden, die eben dem Journalismus unheimlich gut tun würden. Von der Hegelschen Dialektik bis hin zum Monomythos. Es geht auch nicht um SnowFall, ein schönes Beispiel für transmediales Storytelling. Journalismus muss nicht transmedial sein, Journalismus braucht aber in einigen Fällen mehr Authentizität, die durch manch narrative Methode besser erreicht werden kann. Ausserdem muss Journalismus sich in einigen Sparten, vor allen den wissenschaftlichen öffnen und verständlicher und zugänglichen gemacht werden. Um jeden Preis digital sein zu wollen, ohne wirklich eine Storytelling-Strategie zu haben, geht in den meisten Fällen nach hinten los. Aber es wäre schön, wenn Journalisten sich etwas intensiver mit den Bedürfnissen der eigenen Leserschaft auseinandersetzen würden. Und auch zukunftsorientiert denken, denn die Generation Z ist nun mal sehr digital unterwegs.

#2

Von Fritz Iff
23.04.2018
Nicht gegen eine wirklich gute Story. Aber bitte keine "persönlichen Geschichten" um einen dünnen fetzen Inhalt.
Die knappe Ressource ist Zeit, in zweiter Linie Aufmerksamkeit, drittens der Akku.
Ich mag kurze, faktisch satt machende Meldungen, wo das völlig reicht. Essenz, "Summary", Schnelligkeit.
Und ich habe eine wachsende Abneigung gegen die journalistischen Verfahrenswerten, "interessant" zu schreiben. Oft bleibt das sowieso nur in Floskeln und Wortemacherei stecken. Breiproduktion.
In die Breite schreiben, das Auswalzen, ist kein Rezept gegen nachlassendes Interesse.
Mein erstes Interesse ist: Nehmt Rücksicht auf die Lesezeit. Schreibt lohnend. Dann und nur dann meinetwegen auch Geschichten im New-Yorker-Format.
Alter Schreibtipp: "Kill your darlings."

#3

Von Don
23.04.2018
Der Irrtum des Artikels wird am Ende aufgelöst. Den ganzen Text hindurch ist von Storytelling die Rede. Erst am Ende des Textes ist klar, damit ist eigentlich Multimedia-Storytelling gemeint. Das ist nicht zu verwechseln.
Denn Storytelling hat mit den richtigen Zutaten einer Geschichte zu tun. Nicht mit Sound und Bild und Interaktivität. Geschichten funktionierten vor 40'000 Jahren und funktionieren auch noch heute.

#4

Von Norman
24.04.2018
«… von den Worten selbst getragen werden» – was hier bewiesen worden ist, danke!

#5

Von Balz
24.04.2018
Das Beste seit langem zu diesem Thema!

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