Marc Brupbacher: «Es gibt viele wichtige Zahlen, die man zeigen müsste» (zVg)

Aktuell – 18.08.2020

«Unsere Daten waren viel präziser als diejenigen des BAG»

Das fünfköpfige Interaktiv-Team von Tamedia visualisiert die Daten zur Pandemie. Marc Brupacher, Leiter des Teams, über fehlende Zahlen aus dem BAG, Alarmismus und seine kritischen Tweets. 

Sie und Ihr Team publizieren seit Januar Zahlen zu Covid19 für die Tamedia-Titel. Wie schwierig ist es im Vergleich zwischen damals und jetzt, entsprechende Daten zu erhalten? 

Die Johns Hopkins University hat relativ schnell weltweit Basisdaten über Neuinfektionen, Tote und Genesene zusammengetragen. Dazu kamen ebenfalls ziemlich schnell wissenschaftliche Daten, etwa wie tödlich die Krankheit ist, wie schnell sie sich verbreitet, wie lange die Inkubationszeit dauert und so weiter. 

Und die Daten aus der Schweiz? 

Das war viel schwieriger: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Fallzahlen zu Beginn mit extremer Verzögerung publiziert, man musste sie aus einem PDF abschreiben. Wir haben deshalb jeden Tag die Webseiten aller Kantone nach den Fallzahlen abgeklappert und sie manuell übertragen. Unsere Daten waren viel präziser als diejenigen des BAG, deshalb haben uns Wissenschaftler angefragt, ob wir ihnen das Spreadsheet überlassen können, damit sie damit Modelle berechnen können. Gemeinsam mit anderen Datenjournalisten, mit der Open-Data-Szene und dem Statistischen Amt des Kantons Zürich haben wir beim BAG interveniert und angeregt, eine maschinenlesbare Schnittstelle mit den wichtigsten Daten einzurichten. Es hiess immer: Wir sind dran. Aber bis heute ist nichts passiert. 

«Der Kanton Zürich übernimmt eigentlich die Aufgaben des Bundes» 

 

Wie ist es aktuell? 

Die Open-Data-Leute des Zürcher Statistikamts haben die Initiative ergriffen und allen Kantonen angeboten, die entsprechenden Datenreihen auf GitHub einzurichten, damit sie nur noch täglich ihre Zahlen eintragen müssen. Nun finden sich die Zahlen für alle Kantone automatisiert abrufbar auf dem Statistik-Portal des Kantons Zürich, er übernimmt also eigentlich die Aufgaben des Bundes.  

Wie habt ihr euer Dashboard auf- und ausgebaut? 

Zuerst zeigten wir nur die internationalen, nationalen und kantonalen Fallzahlen in absoluten Werten. Danach fokussierten wir uns stärker auf die Entwicklung der Kurven und berechneten jeweils die Fallverdoppelungszeiten. Das ergab ein akkurates Abbild der Situation, wir konnten die epidemiologische Entwicklung sehr gut antizipieren. Danach haben wir schrittweise ausgebaut, so kamen die Zahlen zu den Hospitalisierungen, Anzahl Tests und Entwicklung des R-Wertes dazu. Wir wollen nicht vereinfachen, es komplex halten, es aber für alle verständlich machen, so, dass auch Nicht-Statistiker sofort erfassen, was die Grafiken zeigen. 

«Das BAG versteckt sich oft hinter dem Datenschutz»

Gibt es weitere Daten, die Sie aufschalten möchten?  

Es gibt viele wichtige Zahlen, die man zeigen müsste. Es ist mir unverständlich, dass das BAG so wenig liefert. Zum Beispiel Zahlen zu den aktuellen Bettenkapazitäten in den Spitälern. Der Koordinierte Sanitätsdienst erhebt die entsprechenden Daten. Ich habe die Zahlen über das BAG angefragt, doch sie wurden aus Gründen des Datenschutzes nicht freigegeben. Das BAG versteckt sich oft hinter dem Datenschutz, wenn es beispielsweise regionalisierte Falldaten, Passagierdaten für die Quarantänedurchsetzung oder gewisse Erkenntnisse aus den Befragungen der Contact Tracer nicht publizieren will. Die Schweiz steht da im internationalen Vergleich nicht gut da. 

Habt Ihr genügend Kapazität für eure Arbeit? 

Wir sind fünf Personen im Interaktiv-Team, und wir haben uns im Februar, März und April nur noch auf Corona konzentriert. Das ging schon irgendwie. Jetzt, wo das Dashboard steht, muss man es nur noch pflegen und betreiben, dafür stellen wir eine Person pro Tag ab. 

«Zehntausende haben sich deswegen entweder registriert oder ein Abonnement gelöst»

Es gab offenbar sehr viele Zugriffe auf das Dashboard und auch Leute, die deswegen Abonnements abgeschlossen haben. 

Es ist die Geschichte, die am meisten Conversions generiert hat, seit wir die aktuelle Abo-Strategie verfolgen. Zehntausende haben sich deswegen entweder registriert oder ein Abonnement gelöst. Auch jetzt ist das Dashboard immer unter den meistgelesenen fünf Angeboten unserer Webseiten. 

Was bedeutet die starke Nachfrage nach Zahlen in der Corona-Pandemie für den Datenjournalismus?  

Die Leute schätzen visualisierte Zahlen, das war schon vorher so. Aber die Corona-Pandemie ist eine Ausnahmesituation, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Dashboard zu einem anderen Thema so grosse Aufmerksamkeit erregt.

Den Medien wird ja, gerade in Bezug auf die Fallzahlen, Alarmismus vorgeworfen.  

Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der alarmistisch ist, aber es gibt sehr viele andere, die mittlerweile gleichgültig sind und die Regeln nicht mehr einhalten. Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese Krankheit, etwa über die Langzeitschäden, lassen aber befürchten, dass sie noch gefährlicher ist, als wir im Februar gemeint haben. Da bin ich lieber etwas vorsichtiger. 

Auf dem Dashboard sind die Zahlen unkommentiert, in Ihren Tweets hingegen klingt Beunruhigung über die Entwicklung durch, Kritik an Institutionen und vor allem auch an denjenigen, die finden, Corona sei nicht gefährlicher als eine Grippe.  

Die Publikationen unseres Teams – wir haben ja neben dem Dashboard auch viele andere Artikel zu Corona publiziert – sind nüchtern, sachlich und unaufgeregt. Das bestätigen uns die Rückmeldungen von Wissenschaftlern und Ärzten. Wir wurden auch im Bericht des fög positiv hervorgehoben. Das ist meine Rolle als Journalist, ich bin ja professionell. Privat habe ich aber eine Meinung, und die äussere ich im Mikrokosmos Twitter. Wenn ich zum Beispiel in Interviews mit Pietro Vernazza oder Beda Stadler Äusserungen lese, die ich unerträglich und auch fahrlässig finde, dann sage ich das auf Twitter.  

Interview: Bettina Büsser (das Gespräch fand am 10. August statt) 

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