Röstigraben – 09.05.2022

Vincent Costet: Mehr Mikrofonhalter als Journalist

Vincent Costet ist Sportjournalist bei der Tageszeitung ArcInfo.

Ah … die Olympischen Winterspiele! Sie verfehlen ihre Wirkung jeweils nicht: Ich werde zum verrückten TV-Sportzuschauer, egal zu welcher Tageszeit. Mein Vorwand, um mitten in der Nacht Menschen zuzuschauen, die über Schnee gleiten: die Zeitver­schiebung. Nach drei Wochen bin ich dann total kaputt – als hätte ich selbst beim 50-km-Langlaufrennen teilgenommen.

In Gedanken bin ich stets bei meinen Berufskollegen, die diesen verrückten Wahnsinn (ab)decken. Dabei fühle ich mich ins Jahr 2010 zurückversetzt, als ich in Vancouver wie ein Wahnsinniger für Westschweizer Regionalradios in alle Himmelsrichtungen rannte. Man hätte meinen können, ich wäre ebenfalls auf Medaillenjagd gewesen, einfach imaginär.

Die Debatte um die künstliche Beschneiung ­in Peking brachte mich übrigens zum Schmunzeln. Bereits an den Olympischen Winterspielen in Kanada herrschte in Whistler, einem der grössten Skigebiete in Nordamerika, ein ozeanisches Klima. Ich pendelte damals zwischen den Pressezentren in Vancouver und Whistler – und meinem Bett. Ich erinnere mich noch gut, wie ich um Mitternacht von meiner Badewanne aus per Telefon eine Direktübertragung machte, nur um die Neuenburger Hörer beim Aufstehen zu unterhalten. Kein Witz!

Nach drei Wochen bin ich total kaputt – als hätte ich selbst an einem Rennen teilgenommen.

Im Nachhinein betrachtet war ich in Kanada eher Mikrofonhalter als Journalist. Ich hüpfte von einem Wettkampfort zum nächsten, von einer Reaktion einer Siegerin zur nächsten. Drei Dinge durfte ich dabei ja nicht vergessen: meine Akkreditierung, meine Reservebatterien für das Mikro und Kaffee trinken. Weil ich also nichts neu erfand und nicht überall gleichzeitig sein konnte, schmiedete ich Allianzen mit den Deutschschweizern.

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Bis jetzt konnte ich mich noch zurückhalten, doch jetzt muss ich es einfach loswerden: Dank den Olympischen Spielen in Vancouver war ich im gleichen Flugzeug wie Teemu Selänne, die finnische Eishockeylegende. Sind Sie nun eifersüchtig, oder? Doch jetzt wieder ab vor den TV.

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