Aktuell – 15.12.2019

Warum die Klimakrise kein journalistisches Spielfeld sein darf

Dafür, dass unser Klima sich in einer lebensbedrohenden Krise befindet, gibt es viele Verantwortliche. Über einen Mitverursacher wird viel zu wenig geredet: über den Journalismus.

Von Christoph Keller

Beim öffentlich-rechtlichen Radio, wo ich früher arbeitete, galt die goldene Regel, man dürfe sich als Journalist «mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten». Und das gelte auch fürs Klima, dort «besonders».

Die Sentenz vom «sich nicht gemein machen» stammt bekanntlich aus einem Interview mit Nachrichtenmoderator Hanns Joachim Friedrich, in dem er sich auf Berichte zu Katastrophen bezog und sagte, man müsse in solchen Fällen «Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.»

Friedrich appellierte also einzig zur «Coolness» bei Katastrophen, und doch steht seine Aussage als «Kernkodex» für journalistische Unabhängigkeit in vielen Redaktionsstatuten, eine Sentenz gegen jede Art von Ideologie («eine gute Sache»); und so kommt es, dass in vielen Redaktionen die Alarmleuchten angehen, wenn über die Klimakrise berichtet werden soll. Bitte «keine Ideologie», bitte «für Ausgewogenheit sorgen», und am besten noch einen «Klimakritiker» einladen – aus Angst, es werde Beschwerden hageln von rechts.

Verkannt wurde (und wird) dabei, dass die Klimakrise mit einer «guten Sache» nichts gemein hat, aber mit einer Katastrophe sehr wohl. Es geht hier allein um den wissenschaftlichen Fakt, wonach wir alle spätestens 2050 «netto» kein einziges Kilogramm CO2 mehr in die Luft pusten dürfen, weil sonst die Katastrophe droht. «Netto null» ist keine ideologische Frage, sondern eine wissenschaftliche, unabwendbare Notwendigkeit. Tatsächlich gilt es, dieser Tatsache «cool» ins Auge zu schauen.

«Wenn die Emissionen aufhören müssen, dann müssen wir die Emissionen stoppen», sagt Greta Thunberg, aber in vielen Medienhäusern ist diese simple Einsicht nicht angekommen; denn noch haben viele Redaktionen nicht erkannt, wie dringlich der Wandel in eine karbonfreie Welt ist:

> Gemäss einer Studie, die in «Nature Communications» publiziert wurde und auf der Auswertung von 120’000 Artikeln zur Klimakrise beruht, schreiben Journalistinnen genauso häufig über Expertinnen (etwa des IPCC) wie über spekulativ argumentierende Klimaleugner; so wird gesichertes Wissen ständig relativiert, mit nachhaltigen Folgen.

> Medien skandalisieren regelmässig Nebenschauplätze, wie etwa 2009, als eine Mail geleakt wurde, die ausgewählten Forschern des IPCC Unausgewogenheit vorwarf. Medien verstärkten die schmutzige Kampagne, wie neulich wieder diejenige der «Gretahasser»; das dient der mächtigen Öllobby, der jede Diskreditierung von Wissenschaft und Klimabewegung recht ist.

> Journalisten tendieren dazu, Gletscherabbruch, jeden heftigen Hurricane als Beweis für die «drohende Klimakatastrophe» alarmistisch zu verwerten; tags darauf verschwindet das Thema wieder. Der Medienwissenschaftler Michael Meyen sieht darin eine «Medienlogik», in der «Superlative, Sensationen, Dinge, die es so noch nicht gab», vorherrschen; das Publikum reagiert mit «Leugnung, Paralysis oder Apahtie», schreiben die Forscherinnen Lisa Dilling und Susanne C. Moser.

> Umgekehrt sind Redaktionen unfähig, die Klimafrage als ein Querschnittsthema zu behandeln. So wird über die Gaspipelines (etwa «Nord Stream 2») berichtet, ohne zu fragen, ob diese Investition mit Blick auf eine Zukunft ohne Gas richtig sei. Man schreibt über den Autobahnausbau, über Investitionen in Flughäfen, die Klimafrage wird ausgeklammert und man berichtet so, als ginge das fossile Zeitalter ewig weiter; und befördert beim Publikum die Vorstellung, es gebe Wirklichkeiten, die tatsächlich mit dem Klima nichts zu tun haben (das Klimathema ist ein Querschnittsthema).

> «Dieser Ingenieur löst das CO2-Problem», titelte der «Blick» kürzlich, und es wimmelt von solchen Schlagzeilen. Man suggeriert mit dem Hype («Aufforstung rettet Klima»), die Bewältigung der Klimakrise sei einzig eine Frage von technischen Lösungen; irgendwann «kommen» sie, und bis dahin kann mal weitermachen (das Gegenteil stimmt).

> Eine Analyse in «Global Environmental Change» ergab, dass in den Berichten zum Klima ein blinder Fleck deutlich wird: das Aufzeigen von sozialen, nachhaltigen Lösungen fehlt fast gänzlich. Medien in den 45 Ländern vernachlässigten systematisch das «gesellschaftliche Potenzial von Menschen», um «in grösserer Harmonie mit der Natur zu leben». Fehlender constructive journalism führt dazu, dass Menschen keine Phantasie zu einer anderen, einer klimafreundlichen Zukunft entwickeln.

> Kaum ein Medium hat in Sachen Klimakrise eine klare, auf Lösungen ausgerichtete Haltung, die fundamental anerkennt, dass die ganze Menschheit die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen muss. Man leistet sich disparate Ansätze: heute Alarmismus, morgen wird die Klimajugend gebasht, mal wird eine Technologie gehypt, anderntags wird Biogemüse als klimaschädlich hingestellt; anything goes, als wäre die Klimakrise ein journalistisches Spielfeld.

Zurück bleiben mal alarmierte, mal agonisierte, mal skandalisierte, mal beruhigte, aber im Ergebnis orientierungslose Medienkonsumentinnen. Und disparater Journalismus in Sachen Klima verstärkt das Gefühl, nichts tun zu können. Das ist eine schlechte Voraussetzung angesichts der Probleme, die auf uns zu kommen, etwa die Umlagerung von Investitionen, oder die Gerechtigkeit in Klimarfragen, oder die Anreize für ein klimagerechtes Leben (die Besteuerung von CO2); alles Angelegenheiten, für die wir eine demokratische, aufgeklärte Debatte brauchen, und Bürgerinnen und Bürger mit mehr Orientierung, als sie heute bekommen.

Die Lösung liegt in einem Journalismus mit Haltung.

Der «Guardian» hat mit dem «Guardian’s environmental pledge 2019» eine führende Rolle bei der Berichterstattung übers Klima eingenommen. «It’s time to act», lautet das Motto, und so setzt der «Guardian» auf lösungsorientierten, qualitativ hochstehenden Journalismus, mit einem globalen Blick; man spricht statt von «Klimawandel» explizit von «Klimakrise» und «Klimanotstand», und nicht zuletzt will der «Guardian» selber bis 2030 klimaneutral sein.

Davon sind grosse, auch die öffentlichrechtlichen Medienhäuser in der Schweiz (und anderswo) noch weit entfernt.

Buchhinweis: Christoph Keller, Benzin aus Luft – Reise in die Klimazukunft, Reportagen und Essays, Rotpunktverlag, 2019.

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2 Kommentare

#1

Von Mirosch Gerber
17.12.2019
Ich gehe mit den meisten Statements einig. Die Klimaproblematik ist ein klares Querschnittsthema welches ein Umdenken erfordern. Aber das Klima ist nur ein Teilaspekt einer ressourcenfressenden Gesellschaft. Seien es der verschwenderische Umgang mit Rohstoffen, schädlich-extensive Landwirtschaft, Ausbeutung von Mensch, Tier, Natur. Das Krasse dabei ist, dass uns ein massiv wärmeres Klima nicht umbringen wird, sondern es wird eine schleichende aber grosse Völkerwanderung provozieren. Hingegen werden die übermässigen beanspruchten Ressourcen rasch zu einer Unterversorgung führen welche Mensch und Tier in Ihrer Existenz gefährden wird. Wer das nicht glaubt muss nur mal die kurze Endlichkeit von Rohstoffen wie Kupfer, Phospor.. usw betrachten, die gehen alle in diesem Jahrhundert zu neige! Das Klima- und Ressourcenfragen zusammenhängend sind, ist klar, aber aktuell wird der Fokus rein auf das Klima gelegt, und das ist Grundfalsch. Was auch stört ist die Bezeichnung "Krise, Notstand". Denn das ist es genau genommen nicht, und es verstört mehr als es aufklären soll. Das letzte was wir jetzt gebrauchen können ist ein falscher Alarmismus, der erst über Generationen zum echten Problem wird. Der normale Mensch tickt in kurzen Zeiträumen, wenn man hier anfängt "künstliche" Krisen für die Zukunft auszurufen, hat das einfach die fatale Folge bei "echten" Krisen der Gegenwart, keine nötige Aufmerksamkeit mehr zu bekommen, die Leute werden müde.. Hier muss eine andere Kommunikationsform gefunden werden, das Thema ist zu wichtig um in Notständen zu verharren die Just in Time keine sind...

#2

Von Nittnaus Ursi
09.01.2020
Danke, lieber Christoph, für die klaren Worte! In mir ist dann v.a. die Frage:
Was kann ich tun???? Ich versuche schon seit Langem einigermassen umweltfreundlich zu leben......aber.... Ich wäre froh um praktische Hinweise in alle Richtungen von Leuten, die da weiter sehen!
Und wie können Konzerne wie Glencore zur Vernunft gebracht (gezwungen?) werden?!
Mit herzlichem Gruss Ursi Nittnaus

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