Briefe, Fundstücke u.a.m. – 06.01.2018

Wenn Roger Köppel fragt – oder: Die ganz spezielle «Weltwoche»-Umfrage

Mitte Januar wird Roger Köppel Post erhalten. Denn er hat die Leserschaft seiner «Weltwoche» befragt. Wie die Antworten aussehen werden, lässt sich mehr als erahnen.

Von Bettina Büsser

«Sehr geehrte Weltwoche-Leserin, sehr geehrter Weltwoche-Leser. Ihre persönliche Meinung interessiert mich. Sie helfen uns damit, zu überprüfen, ob wir mit unserer Berichterstattung auf dem richtigen Weg sind» – so hebt die Umfrage an, die «Weltwoche»-Abonnentinnen und –Abonnenten mitsamt einem Brief von Roger Köppel gegen Ende Jahr erhalten haben. Diese sollen bis zum 15. Januar ihre Antworten an Köppel zurückschicken; wer antwortet, nimmt an der Verlosung von zehnmal zwei Eintrittskarten für das «Weltwoche»-Sommerfest teil.

So weit, so normal. Medien wollen wissen, was ihre Konsumentinnen und Konsumenten von ihrem Produkt halten, natürlich. Nur hat Köppel eine ganz spezielle Zweidritteltakt-Befragung erfunden. Und erst noch mit langem Vorspann.

Frage 1 zum Beispiel lautet folgendermassen:

Politiker, politische Eliten sind oft zu weit weg von den Bürgerinnen und Bürger – auch in der Schweiz.
Früher hatten unsere Parlamentarier meistens einen Beruf. Sie waren zum Beispiel Handwerker, Unternehmer oder Bauern. Und nebenbei Parlamentarier in unserem Milizsystem. Heute gibt es immer mehr Parlamentarier, die neben ihrem Amt gar keinen anderen Beruf mehr ausüben. Wir finden, das ist eine gefährliche Entwicklung. Denn unsere Demokratie lebt von der Nähe zum Alltag unserer Bürger.
Finden Sie das auch?

Die Frage ist also lanciert: Zu viele Profi-Parlamentarier, zu weit weg von den Bürgern, vom Volk – eine «gefährliche Entwicklung». Das Umfrage-Publikum darf nun aus den drei folgenden Antwortversionen auslesen:

Ja, da bin ich derselben Meinung. Wer zu weit weg ist vom wirklichen Leben der Schweizerinnen und Schweizer, ist anfällig für wirklichkeitsfremde Entscheidungen.

Ja, das kann problematisch sein. Wer die Sorgen und Nöte seiner Wähler nicht aus eigener Erfahrung kennt, handelt schnell einmal weltfremd.

Mir ist der Kontakt unserer Parlamentarier zum Volk nicht so wichtig.

Zweimal bietet die Umfrage die Möglichkeit, die von Köppel aufgestellte Behauptung zu bestätigen. Die dritte Antwortversion lautet: Thema ist mir nicht so wichtig. Eine Möglichkeit, die Behauptung zu verneinen, gibt es nicht.

Und so geht es weiter, von Frage 1 bis Frage 6: Eine Aussage/Analyse/Behauptung von Seiten «Weltwoche»/Köppel, zwei Antworten, die diese Aussage/Analyse/Behauptung bestätigen, eine Antwort, die sinngemäss «mir nicht so wichtig» bedeutet. Quasi im Zweidritteltakt. Themen sind dabei – wen wundert’s – neben der Distanz von Politikern zum Volk:

Die EU: Ein «Apparat von Funktionären» und «Bürokratie-Monster», das in der Krise steckt und durch eine Freihandelszone ersetzt werden sollte, in der dann die Schweiz ein «natürliches Mitglied» wäre.
Die drei Antworten auf die Frage «Sehen Sie das auch so?» beginnen mit: «Ganz eindeutig», «Ganz klar!» und «Ich kümmere mich nicht so darum».

Die «ungebremste Zuwanderung» in die Schweiz: Sie gefährdet «unsere Sozialwerke», die Schweiz muss «entschiedener» Gegensteuer dagegen geben.
Die Antworten auf die Frage «Welches ist Ihre Meinung?» beginnen mit: «Unbedingt!», «Ja, das ist auch meine Meinung» und «Ich finde, wir haben in der Schweiz genügend Platz für alle».

Der Brexit: Die Engländer haben sich für «Selbstbestimmung und Unabhängigkeit» entschieden.
Die Antworten auf die Frage «Haben sich die Engländer richtig entschieden?» beginnen mit «Ich finde, ja!», «Ja, ich glaube schon» und «Mir gefällt die EU, so wie sie heute ist, ganz gut.»

Die Einseitigkeit der Medien: Als Beispiel dient die Wahl von Trump, der «in den meisten Medien und auch im staatlich subventionierten Rundfunk» als «Gefahr für die Welt» dargestellt wird: «Die Journalisten erfüllen den Auftrag distanzierter Berichterstattung nicht mehr, sondern betreiben Wahlkampf. Das ist schlecht.»
Die Antworten auf die Frage «Ist das auch Ihre Meinung?» beginnen mit «Ja, ganz klar», «Ja, das kann man so sehen» und – immerhin! – «Nein, ich bin ganz anderer Meinung.»

Die «Meinungseinfalt» in den Medien: In Tagespresse, Fernsehen, Radio, «sogar im Internet» begegnet man «oftmals derselben Meinung», aber «Meinungseinfalt ist gefährlich». «Gut und richtig» ist es, dass es noch Medien gibt, «die ganz gezielt andere Meinungen zulassen».
Die Antworten auf die Frage «Finden Sie das gut?» beginnen mit «Ich finde das sogar sehr gut!», «Ja, klar» und «Nein, eine einzige Meinung genügt mir.»

Mit grosser Spannung warten wir, ob denn nun die «Weltwoche» auf dem «richtigen Weg» ist und wie wohl die Resultate dieser speziellen Zweidritteltakt-Umfrage ausfallen – anzunehmen, dass sie irgendwann in der «Weltwoche» publiziert werden -, fragen uns aber in der Zwischenzeit: Traut Roger Köppel seinen Abonnentinnen und Abonnenten so wenig zu, dass er ihnen die «richtige» Antwort gleich in zwei Versionen vorlegen muss?

Die ganze Umfrage findet sich hier

 

 

 

Bettina Büsser

Redaktorin EDITO

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