Aktuell – 05.06.2014

Wie wärs mit jung, frech und nachhaltig?

Fragen zum Unterhaltungsservice beim Service public, von Ursula Ganz-Blättler

Was hat Unterhaltung mit Politik zu tun? Nichts, sollte man meinen. Wenn es je etwas Unpolitisches gab, dann das, was Menschen hilft, abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen. Indem man sich via Filme und Serien in andere Welten transportieren lässt, zum Beispiel. Dahin, wo das Leben bunter, abenteuerlicher und unvorhersehbarer ist. Oder auch bunter, kitschiger und vorhersehbarer – je nach Geschmack und Genrevorliebe. Das Unterhaltende war aber immer schon politisch. Weil es den Daumen auf wunde Punkte legt, ohne es zwingend "ernst" zu meinen. Was bei den privaten Sendern wie RTL und Pro7 als "Trash" gilt, erzählt letztlich auch nur von den Träumen und Ängsten, die die Mehrheit unter uns bewegt. Nur sind die Hauptfiguren realer, als uns das manchmal lieb sein kann, und ihre Behandlung durch die Sendungsmacher lässt manche Frage zu Transparenz und redaktioneller Verantwortung offen. Als zynische Illustration, wie Marktwirtschaft funktioniert, sind die Reality-Formate schon mal unschlagbar.

Was aber sollen die Öffentlich-Rechtlichen tun, wenn es darum geht, dem geneigten Publikum mal was zur Entspannung zu bieten? Dasselbe wie die Privaten, aber bitte mit Lehrwert? Eigenproduzierte Alternativen mit unverwechselbarem Profil, die TV-Geschichte schreiben? Oder am Ende gar nichts – weil das Engagement in diesem Bereich unter dem Strich nur Kosten verursacht?

Mit der Unterhaltung via Rundfunk ist es so eine Sache. Sie lässt sich zwar auf Empfängerseite reklamieren, als Erwartung, die gefälligst einzulösen ist. Oder sie "passiert" einfach so, als Nebeneffekt und angenehme Überraschung bei ernsthaften Gegenständen. In beiden Fällen lässt sie sich nicht verordnen. Schon gar nicht als Leistungsauftrag an öffentlich-rechtliche (oder: private) TV-, Web- und Radiosender.

Ein Unterhaltensein als individuelles Erlebnis und geteilte Erfahrung äussert sich in vielen Facetten. Als absolute Konzentration beim Eintauchen in eine spannende Geschichte, zum Beispiel. Oder als positive Stimmung, nachdem man einfach wieder einmal Zeit in guter Gesellschaft mit trivialen Dingen verbracht hat, spielerisch und ohne Verpflichtung. Auch Negatives und Schwieriges lässt sich ja wunderbar zur Hebung des eigenen Gemütszustandes nutzen … solange das Pech andere trifft, mit denen man stellvertretend mitfiebert und deren Leid man teilt.

Die Krux mit der Unterhaltung liegt im Umstand begründet, dass man sich nur GUT unterhalten kann oder gar nicht. Schlechte Unterhaltung ist keine Frage des Niveaus. Sondern eine Frage der Kurzweil – und damit eine Qualität an sich. Die allerdings so viele Ausdrucksmittel kennt, wie es individuelle Geschmäcker und kulturell bedingte Vorlieben gibt.

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Und damit kommen wir zum Punkt. Ein Service public im Unterhaltungsbereich ist auch dann nützlich und sinnvoll, wenn er von den Inhalten und Formaten her noch nicht mal soviel "anders" machen kann als der private Konkurrenzsender bzw. das private Programmfenster. Weil nur hausgemachte Unterhaltungskost Wiedererkennungswert hat. Und sich damit die Chance bewahrt zum Eintritt in den Kanon bzw. Olymp der populären Kultur.

Um ein Beispiel zu machen: Die geplante neue Altersheimserie von Katja Früh und Patrick Frey würde dem SRF genauso gut zu Gesicht stehen wie dem Fenster von SAT1, wo derzeit ein Sendeplatz freigeschaufelt wird. Den Zuschauern ist es in der Regel herzlich egal, welcher Sender ihre Lieblingsprogramme ausstrahlt. Aber der Wiedererkennungswert bezieht sich auch auf die Nachhaltigkeit. Angenommen, die Serie wird ein Hit wie seinerzeit "Fascht e Familie" und erlangt Kultcharakter. Dann landet sie in vereinzelten Schnipseln und Ausschnitten rasch einmal bei YouTube und Clipfish (im Rahmen sogenannter Mash-ups, die im Internet kursieren), und ihr Ruf verfestigt sich via Hörensagen und Nostalgiekultur ("weisch no").

Denn Unterhaltung bedeutet in erster Linie Gesprächsstoff. Und sie entfaltet erst in der wiederholten Rezeption ihr volles Potenzial. Um Legitimations- und Ethikfragen kümmert sie sich dabei nicht. Ihr Ziel ist es, zu berühren. Und damit Identifikation zu ermöglichen.

Leider hadert bei uns der Service public noch immer mit einem Unterhaltungsbegriff, der von Ansprüchen wie "Aufklärung" und "gesellschaftlichem Nutzen" überfrachtet wird. Das hat schon Kurt Felix kritisch angemerkt, und er hatte Recht. Allerdings war er selber auf einem Auge blind und hat mit dem Projekt der "Grüezi"-Unterhaltung eine – aus heutiger Sicht – etwas einseitige und gewürzmässig fade Rezeptur präsentiert. Aber fangen wir vorne an:

Das Problem der Legitimation ergab sich in der Schweiz erstmals mit der Einführung des Fernsehens in den 50er Jahren, als landauf und landab der Teufel des Anspruchslos-Niedrigen und "Seichten" an die Wand gemalt wurde. So seicht war es dann doch nicht, was die Unterhaltungsexperten aus Volkstheater und Radio in ihrer Pionierrolle als Entertainer im Fernsehen zubereiteten und anrichteten. Die sogenannte "Grüezi"-Unterhaltung (wie das Kurt Felix später genannt hat) war eine durchschlagende Erfolgsgeschichte von "Dopplet oder nüt" über den "Teleboy" bis zu "Benissimo". Sie zeichnete sich gemäss dem Doyen der SRF-Unterhaltung durch drei Eigenschaften aus: Sie kam etwas bieder und treuherzig daher, und sie bediente sich des Schweizerdeutschen als Idiom. Ausserdem kostete sie wenig. Aber sie schaffte es auch, Namen und Orte im kollektiven Unbewussten zu verankern, die bis heute Kultcharakter besitzen und zum Identitätsfaktor wurden.

Wenn die entsprechenden Sendungen etwas vermissen liessen, war es die Rücksicht auf den Zeitgeist. Und dieser Zeitgeist wurde seit den 70er Jahren nicht nur deutlich lauter und greller, sondern vor allem auch: jünger. Wenn das Schweizer Fernsehen als Service public eines verpasst hat in den Aufbruchsjahren jenes Zeitalters, das Peter Vorderer heute ein "Entertainmentzeitalter" nennt, dann ist es eindeutig: Pop. Und vielleicht hat ja das Schweizer Fernsehen heute deshalb derart Mühe, ein Nachwuchspublikum zu gewinnen. Und zu halten. Es fehlt eben doch etwas Wichtiges zur Identifikation über Generationen hinweg. Und ein Robbie Williams bei Beni Thurnheer ist dann auch nur ein schwacher Trost.

Kurz gesagt: Unterhaltung braucht Eigenproduktionen, die für Kontinuität sorgen. Und damit das Publikum genauso bei der Stange halten wie die einschlägige Kulturindustrie befeuern. Ohne Wettbewerbs- und Showformate mit "Schnöris", Quizmastern und Comedy-Acts aus hauseigener Produktion, ohne Krimis und Soap Operas mit Schweizer Schauspielern (… und ohne Sport, der für das breite Publikum mit zur Unterhaltung gehört) gibt es keine Identitätsfaktoren. Und keine Identitätsfiguren. Und damit auch nicht ausreichend Interessenten für ein Medium mit Öffentlichkeitsanspruch. Auf längere Sicht, jedenfalls.

Es geht, kurz gesagt, um den Nachwuchs. Und zwar um die zukünftigen Unterhalter genauso wie um das zukünftige Publikum. Mit den Ansprüchen einer biederen Grüezi-Unterhaltung, die auf Dialektformate und Konsenskultur setzt, lässt sich weder das eine noch das andere gewinnen. Wie es anders geht – und zwar durchaus bunter, lauter und greller – zeigt im Moment der Service Public im Nachbarland Österreich. Conchita Wurst? Ein Eigengewächs, das sorgsam gehegt und gepflegt wurde. Und schliesslich ganz unkonsensmässig via Teppichetagenbescheid nach Kopenhagen zum ESC geschickt wurde. Der "Life Ball" als queer zelebrierte Messe der Diversität und Toleranz gegenüber Minderheiten? Wird seit Jahren im Fernsehen ausgestrahlt und lebt vom selben aufmüpfigen Geist, der es fertig gebracht hat, dass bei  "Dancing Stars" (läuft bei RTL als  "Let’s Dance") zum ersten Mal weltweit ein Männerpaar ins Tanzrennen geschickt wurde.

Was ein junges Publikum (und: was Minderheiten!) anspricht, kann nur in der Praxis erprobt werden. In der Marktwirtschaft heisst so etwas research and development. Ausgedeutscht bedeutet das: Die Spielwiese des Unterhaltenden kann und muss von den Öffentlich-Rechtlichen genauso bespielt werden wie von den Privaten, und zwar so, dass es gefällt und Anklang findet. Dabei lässt sich so etwas wie Nachhaltigkeit nur sehr bedingt über das Programm selber bewirken, wo unglaublich viele Zufälle bestimmen, "was bleibt". Viel eher sind langfristige Fördermassnahmen im Personal- und Sachbereich gefragt, die letztlich Chefsache sind und beim Service public immer auch politische Tragweite besitzen.

Das alles ist nicht Zauberei und hat auch nichts mit der Quadratur des Kreises zu tun. Sondern nur damit, dass auch mal – mit Mut zum Risiko und der nötigen Chuzpe – über den eigenen Tellerrand hinaus programmiert wird. Im Bereich von Nischenangeboten, wo Lokales, Junges und dezidiert "anderes", aber auch Neues an Formen und einschlägigen Vernetzungen möglich wird. Und zwar durchaus in den traditionellen Unterhaltungsbereichen Show, Fiktion, Comedy, Spiel und Musik. Oder in neuen Sparten, die zwischen Realität und Fiktion liegen, zwischen Live und Konserve und an der Schnittstelle zwischen Radio, TV und Online erst noch zu erfinden sind. Als Service public jedenfalls, der der Allgemeinheit zu denkwürdigen Momenten und Gesprächsstoff verhilft. Ob sie es will oder nicht.

Ursula Ganz-Blättler ist Film- und Fernsehwissenschaftlerin.
Mehr zur Service public-Debatte im aktuellen Heft von Edito +Klartext.

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