Aktuell – 10.12.2019

«Wir hatten sauber gearbeitet»

Das Interview von «Journalist»-Autorin Catalina Schröder mit dem Medienmanager und Ex-Handelsblatt-Chef Gabor Steingart sorgte unlängst für Wirbel in der Branche. Weil Steingart beim Gegenlesen derart massiv eingegriffen hatte, entschied sich die Redaktion dazu, das Interview mit komplett geschwärzten Antworten zu veröffentlichen.

Interview: Nina Fargahi

EDITO: Catalina Schröder, wie kam es dazu, dass Sie das Interview in dieser Form abdrucken liessen?

Catalina Schröder*: Nachdem ich Herrn Steingart das Interview, das wir Anfang September in seiner Redaktion in Berlin geführt hatten, noch einmal zugeschickt hatte, bekam ich eine Version zurück, die mit dem geführten und «auf Band» dokumentierten Gespräch an vielen Stellen nichts mehr zu tun hatte. Wir haben dann mehrfach versucht, uns mit Herrn Steingart und seinen Mitarbeitern zu verständigen. Alle Versuche sind jedoch gescheitert. Herr Steingart schaltete zunächst seinen Hausanwalt und kurz darauf den bekannten Medienanwalt Christian Schertz ein, der uns mitteilte, dass Herr Steingart seine Antworten komplett zurückziehe.

Wir waren der Ansicht, dass dieses Verhalten in starkem Kontrast zu dem Anspruch steht, den Herr Steingart selbst an den Journalismus und die Journalisten formuliert. Auf seiner Website wirbt er mit sehr markanten Sprüchen wie «100 Prozent Journalismus. Keine Märchen» oder «Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, sondern die harmlosen» oder auch «Journalismus beginnt dann, wenn andere wollen, dass du schweigst». Dass Herr Steingart mit solchen Sätzen wirbt und sich selbst dann konträr dazu verhält, sagt viel über ihn aus. Und das wollten wir publik machen.

Wie fühlten Sie sich dabei?

Wir hatten sauber gearbeitet und uns darüber hinaus natürlich rechtlich abgesichert. Insofern haben wir der Veröffentlichung gelassen entgegengesehen.

Wie war die Reaktion von Herrn Gabor Steingart?

Nachdem wir das Interview veröffentlicht hatten, wurde es insbesondere auf Twitter hundertfach geteilt und kommentiert. Von Gabor Steingart gab es für viele Stunden erst einmal gar keine Reaktion. Irgendwann hat er sich dann ebenfalls per Twitter gemeldet. Mit einem sarkastischen Kommentar, in dem er das Interview als «Selbstgespräch» bezeichnet hat. Das war alles.

Wie waren die Reaktionen aus der Branche?

Die waren fast ausschliesslich positiv. Die meisten Kollegen waren wohl wie wir der Ansicht, dass man nicht auf der einen Seite mit dem Slogan «100 Prozent Journalismus» werben kann, während man gleichzeitig im Nachhinein Interviews umschreibt.

Hatten Sie im Vorfeld Regeln für das Gegenlesen vereinbart?

Wir hatten vereinbart, dass Herr Steingart das Interview noch einmal gegenlesen kann. Das ist in Deutschland mittlerweile Usus. Konkretere Regeln hatten wir dazu nicht besprochen. Ich wäre allerdings bei einem Medienprofi wie Gabor Steingart auch vorab nicht darauf gekommen, dass er seine Antworten teilweise komplett umschreibt und sogar Fragen in das Interview reinschreibt, die ich ihm gar nicht gestellt hatte.

Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Ich bin noch immer der Ansicht, dass Medienprofis wissen sollten, welche Regeln beim Gegenlesen gelten. Vielleicht werde ich künftig trotzdem nochmal dazu sagen, dass Um- und Neuschreiben nicht in Ordnung sind.

Halten Sie das Gegenlesen generell für eine Unsitte?

Nein, nicht grundsätzlich. Interviews müssen ja fast immer gekürzt werden und dadurch können auch Fehler entstehen. Oder es schleicht sich während des Interviews mal ein sachlicher Fehler ein – wie eine falsche Zahl –, der dann im Nachhinein korrigiert werden kann. In solchen Fällen nützt das Gegenlesen beiden Seiten und genau dafür ist es meiner Meinung nach auch gedacht.

 

*Catalina Schröder ist freie Autorin für das Medienmagazin journalist.

 

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