Briefe, Fundstücke u.a.m. – 02.07.2017

Wo Journalismus wirklich Rückgrat braucht

Die Zeiten sind nicht einfach für Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz. Doch Journalistinnen und Journalisten aus der Demokratischen Republik Kongo würden garantiert sehr, sehr gerne mit ihnen tauschen. Wie ihre Arbeit aussieht, wie ihre Voraussetzungen aussehen, darüber erzählt Judith Raupp, ehemalige Mitarbeiterin der «Süddeutschen Zeitung», in einem SZ-Video.

Raupp bildet seit 2011 in der Demokratischen Republik Kongo Radio-Journalistinnen und –Journalisten aus. In einem Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 154 von 180 liegt, dessen nähere Vergangenheit von Krieg und dessen aktuelle Situation von Rebellenangriffen, von Armut und Unsicherheit geprägt ist. Die aktuellen Reisehinweise des EDA für die Demokratische Republik Kongo sprechen eine deutliche Sprache über die Verhältnisse im Land.

Raupp hat jahrelang für die «Süddeutsche Zeitung» gearbeitet, unter anderem auch als Schweiz-Korrespondentin aus Zürich berichtet, aber auch für das Auslandressort Afrika betreut. Sie war mehrmals in verschiedenen afrikanischen Staaten, bevor sie sich entschied, in Goma, in der östlichen Provinz Nordkivu der Demokratischen Republik Kongo mit Unterstützung einer NGO Journalistinnen und Journalisten auszubilden.

Im SZ-Video erzählt Raupp von der Situation ihrer Schülerinnen und Schüler: kaum ausgebildet, unbezahlt arbeitend, dabei arm und immer auch damit beschäftigt, sich und ihrer Familie das Leben anderswie zu finanzieren. Die mangelnde Ausbildung zeigt sich auch darin, dass sie in den Kursen Grundlagen wie die Prüfung von Quellen, objektive Berichterstattung oder den Einbezug aller Seiten in die Berichterstattung lernen müssen – und auch, sich nicht bestechen zu lassen. Gleichzeitig müssen sie damit umgehen, dass bei missliebiger Berichterstattung Radios sehr schnell geschlossen werden. Gemeinsam mit Journalistinnen und Journalisten plant Raupp die Einrichtung einer Nachrichten-Website, damit auch dann, wenn Radios geschlossen werden, weiter informiert werden kann.

Die Journalistinnen und Journalisten machen trotz mangelnder Vorbildung und knappsten Ressourcen immer weiter. «Ich wüsste nicht», sagt Raupp im Video, «ob ich das Rückgrat hätte, das viele junge Leute dort haben. Davor habe ich einen Riesenrespekt.»

PS: Etwas ausführlicher als im Video hat Raupp übrigens 2015 in einem SZ-Artikel über ihre Arbeit und die Situation ihrer Schülerinnen und Schüler hier berichtet.

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Bettina Büsser

Redaktorin EDITO