Aktuell – 19.12.2014

NZZ stösst die Ostschweizer vor den Kopf

Die Ostschweizer Volkswirtschaftsdirektoren sind besorgt über die Medienentwicklung in der Ostschweiz. Grund ist die Ankündigung der NZZ-Gruppe, ihre in St. Gallen und Luzern beheimateten Regionalmedien unter eine einzige Leitung zu stellen. Die Ostschweizer befürchten journalistischen Einheitsbrei und publizistischen Abstieg. So die Meldung von heute. Und hier der Hintergrund. Von Harry Rosenbaum.

Mit einem High Noon Finish versuchte die NZZ-Gruppe den Abwärtstrend bei ihren Regionalzeitungen zu stoppen. Überraschend wurde Daniel Ehrat (55), Gesamtleiter der St. Galler Tagblatt Medien, abserviert und durch den bisherigen Gesamtleiter der Luzerner LZ Medien, Jürg Weber (56), ersetzt. Damit übernimmt Weber in der NZZ –Gruppe den neu geschaffenen Job eines Leiters Regionalmedien. Das "St. Galler Tagblatt" mit seinen sieben Kopfblättern in der Ostschweiz und die "Neue Luzerner Zeitung" mit ihren fünf Kopfblättern in der Zentralschweiz sollen künftig unter Nutzung der Synergien zentral geführt werden.

Schlanker, rentabler. Weber kommentiert seinen Aufstieg förmlich: "Wenn wir schon alles in einer Firma unterbringen, dann braucht es auch einen Chef für das Ganze. Wir mussten uns für eine Person entscheiden, die diese Funktion ausübt." Dass dem Luzerner der Vorzug gegeben worden ist, frustriert den St. Galler Ehrat: "Nebst persönlichen Faktoren hat die kommerzielle Seite eine Rolle gespielt", sagte er dem Online-Portal "Persönlich". Und weiter: "Luzern ist seit Jahren schlanker und fokussierter aufgestellt, zudem auch noch rentabler. Wir haben in der Ostschweiz teilweise ganz andere strukturelle Gegebenheiten und Voraussetzungen."

Damit machte sich Weber schon mal vertraut. Er nahm in Bischofszell auf dem Podium des Medienforums Platz, das die örtliche CVP zum Problemblatt "Thurgauer Zeitung" (TZ) veranstaltet hatte. "Chapeau!", sagt der örtliche Parteipräsident Thomas Diethelm. "Dass der oberste Chef gleich selbst in die Provinz kommt und Red und Antwort steht, hätten wir nicht erwartet."

Sicher war es ein kluger Schachzug und zudem ein Bonusgewinn. Im April hatten nämlich zwei Politiker und altgediente Journalisten, Andrea Vonlanthen und Patrick Hug, in einer Interpellation im Kantonsparlament den Niedergang des über 200-jährigen Traditionsblattes thematisiert und den Zürcher Medienkonzern dafür massiv kritisiert. Seit die TZ vor vier Jahren von der Tamedia ins Portefeuille der NZZ wechselte, seien im Rahmen drastischer Sparmassnahmen 500 redaktionelle Stellenprozente abgebaut, das Redaktionsbüro in Kreuzlingen geschlossen und der Regionalteil stark reduziert worden. Hingegen sei aber 2014 der Preis für ein Jahresabonnement von 375 auf 404 Franken gestiegen, heisst es in der parlamentarischen Anfrage. Vor vier Jahren hatte die TZ noch eine Auflage von 46 000 E xemplaren, heute liegt sie bei 36 428 und das Blatt hat drei Lokalseiten weniger. Die Kantonsregierung zeigt sich in der Beantwortung der Interpellation besorgt. Sie will bei der obersten Konzernleitung der NZZ vorsprechen.

Regionalmedien-Leiter Weber sagt im Gespräch mit EDITO, dass der Wunsch aus dem Thurgau in Zürich gehört worden sei und die NZZ -Konzernleitung sich demnächst mit dem Regierungsrat treffen wolle. "Wir werden die TZ bestimmt nicht ausplampen lassen. Sie ist im Verbund neben dem ‚St. Galler Tagblatt’ die grösste Regionalausgabe", betont der neue Gesamtleiter. Und weiter: "Die TZ ist in den letzten Jahren mit den verschiedenen Fusionen und den Mantelwechseln, die schon vor der NZZ-Ära stattfanden, arg gebeutelt worden. Diese Häufung von Änderungen ist für die Leser und Leserinnen sehr unangenehm und verscherzt das Vertrauen." Es sei jetzt wichtig, wieder Ruhe in die TZ hineinzubringen, sagt Weber.

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Die Regionalblätter in der Ost- und Zentralschweiz, die sich über die Freie Presse Holding AG (FPH) zu mehr als 90 Prozent in den Händen des NZZ-Konzerns befinden, sind ein wirtschaftliches Minenfeld. Beide Medienhäuser leiden seit Jahren unter rückläufigen Erträgen aus dem Werbemarkt und dem Druck. Die Tagblatt Medien erzielten 2013 einen operativen Gewinn von 6,6 M illionen Franken und mussten sich im Vergleich zum Vorjahresergebnis satte 6,8 M illionen ans Bein streichen. Bei den LZ Medien ist das Ergebnis weniger erschreckend: Der operative Gewinn lag bei 10,6 M illionen Franken, 1,9 M illionen tiefer als 2012.

"Der Neue solls richten", wird wohl die unternehmerische Devise der nächsten Jahre für Weber lauten. "Jetzt kommt die Knochenarbeit", sagt er. "Wir werden querbeet in den beiden Medienhäusern bei Allen Prozessen im Betrieblichen, im Marketing und in der Produktionsvorstufe die Frage aufwerfen, was wir zusammenlegen können und wie dies allenfalls zu geschehen hat".

Abschied vom "Gärtlidenken". In diesem Zusammenhang wird es aber auch Bereiche geben, die heikler sind als andere, beispielsweise die Redaktionen. Trotzdem, man wird vom "Gärtlidenken" Abschied nehmen müssen. Das tönt alarmierend. Entsprechend gehe in den Redaktionen von Tagblatt Medien auch die Angst vor Entlassungen um, berichten Mitarbeitende. "Es wird ständig Personal abgebaut", sagt Marco Moser, Ostschweizer Präsident der Journalistenorganisation impressum. "Die Arbeitsbedingungen werden zunehmend schlechter."

Zu den personellen Konsequenzen äussert sich Weber zurückhaltend. Den Befürchtungen über Stellenabbau kann er nur bedingt entgegentreten: "Es geht in dieser Frage nicht nur um die Redaktionen, sondern um die ganze Belegschaft. Unsere Planung ist mittelfristig auf die nächsten zwei Jahre ausgelegt und geht von einer Geschäftsentwicklung aus, wie sie unter den heutigen Bedingungen zu erwarten ist. Wir werden vor allem prüfen, wo wir noch effizienter sein können. So werden wir bei personellen Lücken, die durch Pensionierungen und Abgänge entstehen, überlegen müssen, ob wir jemand einstellen oder ob es auch andere Lösungen gäbe. So weit wie möglich werden wir den Personalbestand über natürliche Fluktuationen regeln." Ob für die Regionalzeitungen in St. Gallen und Luzern grössere Sparvorgaben formuliert werden, lässt Jürg Weber offen. Das hänge von der Entwicklung der Zahlen ab. Die Kostenseite müsse kontinuierlich schlanker werden.

Bekenntnis zur Vielfalt. Mit der Zusammenlegung der beiden Regionalmedienhäuser in der NZZ-Gruppe sollen die internationalen und nationalen Stoffe in den Zeitungen zentral aufbereitet und die regionalen und lokalen Bereiche verstärkt werden. "Wir wollen die Vielzahl unserer Regionalzeitungen erhalten", sagt Weber.

Mark Eisenegger vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) an der Universität Zürich beobachtet die Entwicklung bei der TZ. Er arbeitet derzeit an einer empirischen Studie über das Kopfblatt-System. Und formuliert  Zweifel: "Das Kopfblatt-System führt nicht zur Stärkung der Regionalzeitungen. Die Folgen sind der Abbau regionaler und lokaler Inhalte. Die publizistische Vielfalt wird nicht gestärkt, sondern durch redaktionelle Zusammenlegungen abgebaut."

Die NZZ-Gruppe nimmt unternehmerisch ihre Regionalzeitungen stärker an die Kandare. Das geschieht aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und nicht im Interesse der Qualität des Journalismus. Das Resultat ist die mediale Verödung der Regionen.

Harry Rosenbaum ist freier Journalist.

 

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