Journalisten, die über die Proteste der Mapuche berichten, gelten schnell als «Unterstützer einer terroristischen Organisation». Bild: Sophia Boddenberg

Aktuell – 26.11.2018

Chilenische Umweltschützer suchen Gehör in Europa

Sophia Boddenberg über Umweltskandale und Wirtschaftsinteressen in Chile, die kaum mediale Beachtung finden.

Chile gilt als das wohlhabendste Land des lateinamerikanischen Kontinents und zählt als einziges zum Kreis der Industriestaaten der OECD. Die Exportwirtschaft boomt. Avocados, Lachs, Kupfer und Lithium sind nur einige der Produkte, die nach Europa und in den Rest der Welt geschifft werden. Wirtschaftswachstum, Privatisierung von Sozialleistungen und öffentlichen Gütern sowie der Abbau von Handelsbarrieren für ausländische Investoren sind die Pfeiler der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die das Land seit der Militärdiktatur von Pinochet verfolgt.

­­Aber der schöne Schein des Wirtschaftswachstums trügt: Chile ist der OECD-Staat mit der höchsten sozialen Ungleichheit und transnationale Unternehmen verletzen häufig die Rechte der indigenen Bevölkerung und zerstören die Umwelt.

Umweg über europäische Medien. Über die Schattenseiten des Wirtschaftsmodells berichten die chilenischen Medien, die sich grösstenteils im Besitz vermögender Familien und ihrer Wirtschaftsimperien befinden, jedoch kaum. Erst wenn europäische Medien einen Umweltskandal aus Chile öffentlich machen, nehmen die chilenischen Medien das Thema gezwungenermassen auf ihre Agenda.

Erst wenn europäische Medien einen Umweltskandal aus Chile öffentlich machen, nehmen die chilenischen Medien das Thema auf ihre Agenda.

Das war zum Beispiel der Fall beim massiven Avocado-Anbau, der in den Anbauregionen in Chile Dürren verursacht hat. Da die Avocado in Europa als Superfood gepriesen wird, ist der Anbau in Chile stark angestiegen. Aber die Avocado braucht viel Wasser. Agrarunternehmer pumpten illegal Wasser ab, trockneten ganze Flüsse aus, die lokale Bevölkerung musste mit Tankwagen versorgt werden. Kaum jemand sprach darüber. Erst als Medien in England, Dänemark und Deutschland über die Umweltfolgen des Avocado-Anbaus berichteten, wurde das Thema auch in Chile zum Trending Topic. Politiker sahen sich gezwungen, zu reagieren.

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Zur Strategie von Umweltschützern und Bürgerorganisationen gehört es deshalb, bei europäischen Medien Gehör zu suchen, damit ihre Forderungen anschliessend auf die mediale und politische Agenda in Chile gelangen. Institutionen der Regierung und Unternehmer sind bei einer kritischen ­Recherche meist wenig hilfreich, da niemand das positive Image Chiles bei ausländischen Investoren trüben will.

Häufig sind es europäische Unternehmen, die in Chile Arbeits- und Umweltstandards missachten. Der grösste Zuchtlachskonzern der Welt mit Sitz in Norwegen geriet kürzlich in die Kritik, weil in Chile fast eine Million Lachse aus ihren Zuchtkäfigen ausgebrochen sind. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen Einzelfall. Die Lachsindustrie verschmutzt seit Jahrzehnten das Meer in Chile und nimmt lokalen Fischern ihre Existenzgrundlage. Europäische Unternehmen verlagern ihre Produktion bewusst in Länder mit ungenügenden Arbeits- und Umweltgesetzen, um Kosten zu sparen. Die EU ist Chiles drittwichtigster Handelspartner.

Immer mehr an Bedeutung gewinnt der Energiesektor für ausländische Investoren. Die Atacama-wüste im Norden ist einer der sonnenreichsten Orte weltweit, und die Pazifikküste Chiles von über 4 000 Kilometern bietet perfekte Voraussetzungen für die Produktion von erneuerbaren Energien. Unternehmen aus Spanien, Schweden, Belgien und Deutschland bauen Windparks, Solaranlagen und Wasserkraftwerke – häufig gegen den Widerstand der lokalen, oft indigenen Bevölkerung und ohne die Umweltauswirkungen zu untersuchen.

Die Tote in der Küche. Die von der Wirtschaft kontrollierten chilenischen Medien schweigen darüber, um Investoren nicht zu verschrecken. Und die europäischen Unternehmen tun alles dafür, um ihr Image zuhause zu schützen. Ein österreichisches Unternehmen hat zum Beispiel ein Wasserkraftwerk in einer indigenen Gemeinde im Süden Chiles gebaut, ohne die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung einzuholen und ohne die Umweltfolgen zu untersuchen. Dabei wurde ein indigener Friedhof zerstört.

Eine Aktivistin, die sich gegen den Bau des Wasserkraftwerks eingesetzt hatte, wurde eines Tages tot in ihrer Küche aufgefunden. Es sah zunächst nach Selbstmord aus, aber eine zweite Autopsie belegte, dass ihr bereits lebloser Körper aufgehängt wurde, um den Selbstmord vorzutäuschen. Die chilenische Justiz legte den Fall zu den Akten, die nationalen Medien berichteten kaum darüber. Gegen jene deutschen Medien, die über den Fall ­berichteten, laufen Gerichtsverfahren.

Auch ich habe über den Fall berichtet. Glücklicherweise hat das Medium, für das ich den Artikel geschrieben habe, eine professionelle Rechtsabteilung mit Juristen, die sich bemühen, kritische Recherchen zu unterstützen. Das ist nicht selbstverständlich. Als freie Journalistin gehe ich bei solchen Veröffentlichungen ein hohes Risiko ein und muss mich vorher rechtlich absichern. Wenn ich selbst einen Anwalt beauftragen müsste, der mich gegen grosse Wirtschaftsunternehmen verteidigt, würde mich das wahrscheinlich finanziell in den Ruin treiben. Die Strategie des Unternehmers ist klar: Einschüchterung von Journalisten.

Unter ständiger Beobachtung. Eine Bevölkerungsgruppe, die besonders unter dem extraktivistischen Wirtschaftsmodell leidet, sind die Mapuche, das grösste indigene Volk Chiles. Forstunternehmen roden vor allem dort den Wald, wo die Mapuche leben, um Eukalyptus- und Kieferplantagen anzubauen. Einige wehren sich dagegen. Die chilenische Regierung geht hart gegen Mapuche-Aktivisten vor. Sie werden unter Anwendung des «Anti-Terror-Gesetzes» in Untersuchungshaft genommen und zu hohen Strafen verurteilt. Polizeikontrollen sind deshalb Alltag in Mapuche-Gebieten im chilenischen Süden.

Ein italienischer Journalist, der über die Mapuche und andere soziale Proteste berichtet hatte, wurde ausgewiesen, weil er der Polizei zufolge «die soziale Ordnung störte» und so «den Staat in Gefahr brachte». Journalisten, die über die Mapuche berichten, gelten schnell als «Unterstützer einer terroristischen Organisation».

Bild: Sophia Boddenberg

Als freie Journalistin in Chile bin ich ziemlich auf mich alleine gestellt. Es gibt keine festen Korrespondenten europäischer Medien in Chile. Die grossen Medien schicken lediglich für Grossereignisse wie Wahlen oder den Papstbesuch jemanden vorbei. Aufgrund von Sparmassnahmen haben die meisten Medien nur einen (oder gar keinen) Korrespondenten für den gesamten lateinamerikanischen Kontinent, der entweder in Rio de Janeiro oder in Buenos Aires sitzt.

Lateinamerika-Korrespondenten müssen über ein politisch, wirtschaftlich, kulturell und sozial heterogenes Gebiet berichten, was eine hinreichende Vorbereitung im Hinblick auf Länder- und Sprachkompetenz von vornherein unmöglich macht. Vielen Korrespondenten fehlt es an Hintergrundwissen, dem Verstehen historischer Prozesse und dauerhafter Strukturen als Voraussetzung für das Verstehen von aktuellen Problemen und Vorgängen, Deutungskulturen, moralischen Motiven und politischen Interessen. Häufig findet eine Verzerrung der Realität statt.

Ein Grund dafür ist der Eurozentrismus in der europäischen Auslandberichterstattung. Fast die Hälfte der deutschen Auslandkorrespondenten arbeitet in Europa, nur ein Bruchteil ist in Lateinamerika tätig. An der Spitze der weltweiten Nachrichtenhierarchie stehen die USA und Westeuropa, am Ende stehen die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Sie sind nahezu unsichtbar, ausser es handelt sich um Krisen, Kriege und Katastrophen.

Die weltweit am meisten zitierten Nachrichtenagenturen sind europäisch oder US-amerikanisch wie zum Beispiel Reuters, AP, AFP und dpa. Länder, in denen Nachrichtenagenturen Büros und Korrespondenten haben, haben höhere Chancen, im internationalen Informationsfluss Beachtung zu finden.

Nachrichtenagenturen und Medienunternehmen tendieren dazu, die Zahl der Auslandbüros und Korrespondenten zu reduzieren. Die Berufsrolle befindet sich im Wandel. Die Arbeit von freien Journalisten, die sich im Land auskennen, die Sprache sprechen und multimedial arbeiten, wird deshalb immer wichtiger.

Autorin
Sophia Boddenberg
Freie Journalistin in Chile

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