Martin Baron, Chefredaktor der Washington Post, und Technikchef Sailesh Prakash (r.) © ps

Journalismus aus der Zukunft – 13.03.2016

Der A/B/C/D-Test der Washington Post

In den USA gibt es eine alte Tante, die sich modern zu kleiden weiss: Seit Amazon-Gründer Jeff Bezos die Traditionszeitung Washington Post gekauft hat, sind zahlreiche, vor allem technisch ausgebildete Mitarbeiter angestellt worden. Vor einem Jahr haben Chefredaktor Martin Baron und Technikchef Shailesh Prakash in Austin verkündet, dass ihnen der neue Besitzer nicht wie erhofft zwei, sondern gleich 40 Softwareentwickler in den Newsroom gesetzt hat. Jetzt haben sie in Austin darüber gesprochen, was die Techniker alles angestellt haben.

Neben einigen neuen Storytelling-Techniken wie 360-Grad-Video und Virtual Reality-Geschichten hat Bezos’ Investition zunächst vor allem eine ganze Armada an neuen Messinstrumenten und -Metriken vom Stapel laufen lassen. Von einigen sagte Prakash zwar selber, dass man mit dem gewonnen Datenmaterial noch nicht wisse, wie man es auswerten solle. Andere Methoden sind sehr handfest: Neben regelmässigen Attraktivitätsvergleichen von neutralisierten Artikelteasern aus der eigenen Redaktion und der Konkurrenz gibt es beispielsweise ein striktes Zeitregime, wann am Tag wieviele Geschichten publiziert werden sollen. Ein «elektronischer Chefredaktoren-Bot» mahnt jetzt die Journalisten kurz vor Ablauf der Deadline am Bildschirm zu mehr Tempo.

Vor allem aber hat die Wapo den in Web-Publizistenkreisen beliebten A/B-Test durch einen «A/B/C/D/E/F-Test» ersetzt. Werden bei ersterem zwei Versionen eines Artikels im Web veröffentlicht und die Reaktionen des Publikums gemessen, so kann im System «Bandito» ein Artikel in einem halben Dutzend verschiedener Versionen publiziert werden. Das System erkennt daraufhin selbständig, welche Kombination von Titelei, Bildern und Lead von der Leserschaft am besten akzeptiert wird und löscht die Alternativen von der Website.

All diese technischen Wunder will die WaPo nicht nur für sich selber nutzen, sondern durchaus auch anderen Redaktionen zur Verfügung stellen. Will heissen: Ebenso verkaufen, wie das Bezos schon mit der gesamten Infrastruktur macht, die er für Amazon aufgebaut hat.

Technik-Chef Prakash machte erfolgreich auf das Angebot aufmerksam: Am Ende der Session interessierte sich der Repräsentant einer anderen alten Tante für die Programme – Steven Neubauer von der NZZ erkundigte sich am Zuschauer-Mikrofon ganz konkret nach dem Preis der Werkzeuge.

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