Batson, Clayton, Griffin. ©ps 2016

Journalismus aus der Zukunft – 15.03.2016

Der Livestreamer mit seinen 700’000 Zuschauern

Der junge Mann im Bild ist 15, heisst Zachary Clayton und hat weder einen Sportwettbewerb noch eine Talentshow gewonnen. Obwohl der Mann rechts von ihm, JR Griffin, bei FreemantleMedia unter anderem für die US-TV-Serie America Got Talent zuständig ist.

Zachs Talent ist es, Menschen zu unterhalten – live, vor der Kamera, ohne Script und nicht am TV: Der junge Texaner hat als «BruhitsZach» auf der Livestreaming-Plattform YouNow eine Fangemeinde versammelt, um die ihn die meisten Schweizer SRF-Sendungen beneiden dürften: 700’000 Zuschauer haben ihn für seine täglichen Broadcasts geliked, bei denen er entweder Scherz-Anrufe vornimmt oder andere typische Teenager-Unterhaltung bietet.

Das ganze ist Zach mehr oder weniger «passiert», erzählt er, nachdem er zunächst wochenlang mit der Jedermann-Kann-Livefernsehen-Plattform herumgespielt hat. Manchmal habe er einen oder zwei Zuschauer gehabt. Und eines nachts schauten ihm plötzlich einige hundert Leute bei seinen Scherzen zu: Er hatte unverhofft den Zuschauer-Rekordhalter dieser Nacht «beerbt», als der seine «Sendung» beendete: Ein cleverer Mechanismus dieser Plattform, die Zuschauer der Stars den aufstrebenden Talenten zuzuschanzen. Und am nächsten Tag hatte Zach einige tausend, bald schon einige zehntausend Zuschauer (von denen man annehmen darf, dass es sich in der grossen Mehrheit um Teenager weiblichen Geschlechts und in Zachs Alter handeln dürfte).

In den USA oder im ganzen englischen Sprachraum ist Livestreaming weitab der professionellen Unterhaltungsindustrie sehr verbreitet und ein rasch wachsendes Phänomen. Dabei bieten die Stars noch nicht einmal besondere Unterhaltungskünste. Auf der Plattform «Twitch» etwa gucken Teenager anderen zu hunderten beim Spielen von Videogames zu.

Anders als bei den grossen Youtube-Stars, die mit gescripteten und editierten Projekten Zuschauer anziehen, steht beim Livestreaming der Faktor des Unmittelbaren und eben auch des Unspektakulären im Vordergrund. das Wort, dass immer wieder fällt, ist «connection» – die Menschen wollen mit ihresgleichen eine Verbindung aufbauen.

Die grossen Marken, sagt Coca Cola-Mann Matt Wolf, zuständig für Entertainment und strategische Allianzen, sind längst darauf aufmerksam geworden – und fangen an, die zahllosen Zivil-Entertainer zu finanzieren und für ihre Zwecke einzuspannen.

Dabei ist das auf YouNow noch nicht einmal nötig: Das System erlaubt den Zuschauern, direkt mit den Sendern in Kontakt zu treten, ihnen Geld zu überweisen und damit auch – wie YouNow Kommunikationschefin Paula Batson vor einigen hundert Personen auf dem Panel live demonstriert – Bestellungen für live gesendete Geburtstagsständchen entgegennehmen. Die Sängerin mit Gitarre, in deren Stream sie sich eingewählt hat, sieht den Spendeneingang am Bildschirm, grüsst brav mit dem Namen des Geburtstagskinds und spielt einen speziellen Song.

Dass mit den aktuellen technischen Mitteln und diesen Plattformen durchaus auch Newsjournalismus möglich wird, liegt auf der Hand. Die brennende Frage ist dabei, wieviel und was die Plattformbetreiber zulassen werden. Für die amerikanischen Zuschauer werden mit mehreren Mechanismen anstössige Inhalte und unanständige Zuschauer oder Performer geblockt. Hierzulande werden andere Regeln gelten müssen – allein schon das Recht am eigenen Bild macht Sendungen aus dem öffentlichen Raum heikler als in den USA oder England.

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