Röstigraben – 03.05.2021

Kurt Pelda: «Lauf schnell, du wirst bald geköpft!»

Kurt Pelda arbeitet beim Recherchedesk von Tamedia

Wenn ich mit der Strassenbahn nach Hause fahre, setze ich ­mich mit Blick nach hinten und mustere die anderen Fahrgäste. Nach dem Verlassen des Trams bleibe ich manchmal kurz an der Haltestelle stehen, um sicherzugehen, dass mir niemand folgt. Angefangen habe ich mit solchen Verhaltensmustern im September 2014, als der Islamische Staat in Syrien und Irak auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Grund war unter anderem ein Anruf des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB). Ich wurde eindrücklich vor Drohungen gewarnt, die auf Twitter gegen ­mich kursierten – wegen meiner Reisen nach Syrien und meiner Berichte über den Kampf gegen die Terrorregime des IS und des syrischen Präsidenten Assad. Unbekannte drohten unter anderem, mir «die Eier abzuschneiden und sie Frau Merkel zu schicken»: «Lauf schnell, du wirst bald geköpft!»

In der Folge kam es zu einem Strafverfahren und sogar zu ­­einem Rechtshilfegesuch an die USA, um die Hintermänner dieser Drohkampagne zu finden – ohne Ergebnis. Als ich in der Winterthurer IS-Szene recherchierte, warnte mich ein Informant vor dem Rachedurst eines bestimmten Extremisten, der sich ­an meinen Kindern vergreifen wollte. Der Imam der An’Nur-Moschee erzählte mir mit einem Lächeln, dass es in seinem Umfeld radikale junge Männer gebe, für die es ein Leichtes sei, meine Adresse und die meiner Informanten zu finden. Und im Neonazi-Milieu, wo ich ebenfalls seit langem wühle, plante ­der eine oder andere einen «Hausbesuch» bei mir. Dazu kam es allerdings nie, vielleicht auch, weil ich auf Rat der Kantons­­polizei umzog.

Drohungen mit physischer Gewalt sind aber zumindest in meinem Fall zahlenmässig stark zurückgegangen. An ihre Stelle traten Hasskommentare in den sozialen Medien, wo ich manchmal als Spion und Islamist, aber auch als Rechtsextremist und islamophob gebrandmarkt werde. Gelegentlich werde ich be­schuldigt, mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten oder mich unethischer journalistischer Methoden zu bedienen – einfach weil ich recherchiere. Und schon mehrfach haben kantonale Staatsanwaltschaften versucht, mich zur Herausgabe inkriminierender Tonaufnahmen von Predigten oder von Chat­verläufen auf meinem Handy zu zwingen – auch mit der Drohung, meine Wohnung von der Polizei durchsuchen zu lassen.

 

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