Der Wind dreht sich: Viele Journalisten entscheiden sich dazu, fortan die Geschichte eines Unternehmens, einer Politikerin oder von Behörden zu schreiben.

Aktuell – 04.06.2019

«Man setzt sich Fragen aus»

Viele Medienschaffende wechseln just in die Branche, über die sie zuvor berichtet haben. Ist das ein Problem?

Von Nina Fargahi

«Die grossen Uhrenhersteller rechnen dieses Jahr mit einem kräftigen Wachstum. Die Zeitmessung wird noch präziser, und die Preise werden wieder vernünftiger», schrieb Daniel Hug, Wirtschaftschef der NZZ am Sonntag, im März 2018 in der selbigen Zeitung. Ein Jahr später wechselt er zur Uhrenmarke Longines.

Immer mehr Journalistinnen und Journalisten wechseln in die Branche, über die sie zuvor oft jahrelang berichtet haben. Ueli Kneubühler kümmerte sich um Versicherungen bei der NZZ am Sonntag, bevor er kürzlich zur Axa wechselte. Monika Reinhard Brand schrieb bei 20Minuten über Eishockey, bevor sie zum Eishockeyverband wechselte. Heidi Gmür war Bundeshaus-Leiterin der NZZ, bevor sie persönliche Mitarbeiterin von Bundesrätin Karin Keller-Sutter wurde. Claudia Aebersold Szalay befasste sich mit Geldpolitik in der NZZ-Wirtschaftsredaktion, bevor sie zur Schweizerischen Nationalbank wechselte. Markus Fässler schrieb als Reisejournalist unter anderem für Travel Inside und für den K-Tipp, bevor er in die Kommunikation von Hotelplan Suisse wechselte. Paul Schneeberger verantwortete viele Jahre Verkehrsthemen bei der NZZ, bevor er beim Schweizer Städteverband Verkehrspolitik-Leiter wurde. Die Liste ist sehr lang.

Es ist grundsätzlich ein logischer Schritt, wenn Medienschaffende in jene Bereiche wechseln, in denen sie sich im Laufe der Jahre Wissen und Kompetenzen angeeignet haben. Doch man setze sich Fragen aus, wenn man solche Seitenwechsel vollziehe, sagt Dominique Strebel, Studienleiter an der Journalistenschule MAZ: «Das hat so ein Gschmäckle.» Der Seitenwechsel alleine bedeute aber nicht, dass man als Journalist seine Rolle nicht integer wahrgenommen habe. Problematisch werde es erst, wenn man eine Vorwirkung nachweisen könne. «Wenn man während seiner journalistischen Tätigkeit seine Unabhängigkeit aufgibt, um einem zukünftigen Arbeitsgeber zu gefallen, dann verletzt man seine journalistischen Pflichten.» Es sei aber kein Problem, wenn man im Laufe seiner Karriere verschiedene Rollen annehme und diese jeweils korrekt ausübe. «Alles andere wäre realitätsfremd», so Strebel.

«Es ist okay, wenn ein Wirtschaftsjournalist Pressearbeit für einen Gesangsverein macht.»

Was sagen die Seitenwechsler selbst? «Ich sehe keinen Interessenkonflikt. Ab dem Zeitpunkt, in dem fest stand, dass ich zu Longines wechseln werde, habe ich nicht mehr über diese Marke oder über die Swatch Group geschrieben», antwortet Daniel Hug. Paul Schneeberger sagt zu EDITO: «Ich betrachte meinen Wechsel nach insgesamt 30 Jahren im Journalismus in die Interessenvertretung als Weiterentwicklung meiner Auseinandersetzung mit Themen, die mich in den letzten Jahren journalistisch stark beschäftigt haben.» Dass der Städteverband eine Interessenorganisation sei, bereite ihm keine Mühe. «Wesentlich für mich ist, dass der Verband dem Gemeinwohl verpflichtet ist und nicht spezifischen partikulären Interessen.»

Und was ist, wenn Journalisten ihre Sachbereiche nicht trennen? Zum Beispiel Herbie Schmidt, der bei der NZZ seit 2015 über Autos schreibt und bis 2017 Pressesprecher von «Auto Zürich Car Show» war. Er ist ausserdem Jurymitglied des «Schweizer Auto des Jahres» und schreibt gleichzeitig darüber in der NZZ. Auf Nachfrage sagt er, dass er in seinen Tätigkeiten keinen Interessenskonflikt zwischen PR und Journalismus sehe.

Marlis Prinzing, die an der Universität Fribourg Medienethik lehrt und Vorstandsmitglied im Verein «Qualität im Journalismus» ist, hat eine andere Meinung dazu: «Das beschädigt die Glaubwürdigkeit von Journalismus, also den Goldstandard dieses Berufs», sagt sie zu EDITO. Denn so eine Verquickung bestärke zumindest gegenüber einem Teil des Publikums die Vermutung oder Befürchtung, Journalismus sei gekauft. Kein Problem sehe sie bei Personen, die sowohl journalistische Aufträge als auch PR-Aufträge annehmen dann, wenn es stark unterschiedliche, sich nicht zugleich überschneidende Themen seien. «Es ist okay, wenn ein Wirtschaftsjournalist Pressearbeit für einen Gesangsverein macht.»

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