Boulevard-Medien leben von Sensationalismus. Doch es gibt auch andere Wege.

Aktuell – 22.09.2019

News-Zynismus schadet der Gesellschaft

Klar sind Journalisten überfordert mit all dem Leid, das auf sie einprasselt. Das berechtigt sie jedoch keineswegs zu abgestumpfter Sprache.

Von Julia Kohli

Journalistinnen und Journalisten sind sensationelle Darstellungen untersagt, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren», so steht es in den Schweizer Richtlinien des Presserats unter Ziffer 8.3. zum Opferschutz, dasselbe gilt in Deutschland (unter Ziffer 11.1). Manche Newsportale nehmen es damit nicht so genau.

«Ehemann löscht Familie aus», meldete die SDA diesen Sommer, als es um eine Mehrfachtötung in Affoltern ging. Viele Medien übernahmen den Titel. Die Formulierung ist in solchen Fällen nicht einmal selten. Das ändert nichts an der Tatsache, dass man Menschen nicht auslöschen kann. Ob es sich um ein versehentliches Abweichen von der «professionellen Distanz» handelt? Fehlt es den Verben «töten» und «umbringen» an Wirkungskraft? Ich vermute stark, dass sich hier ein unbeabsichtigter Zynismus eingeschlichen hat. Über dessen Wirkungskraft kann man streiten. In den Boulevard-Medien hingegen beobachte ich eine bewusst menschenverachtende und sogar manipulative Sprache, wenn es um Gewaltverbrechen geht.

Die deutsche Bild produzierte diesen Sommer mit der Bezeichnung «Huren-Schlitzer» wohl einen traurigen Hit in den Zynismus-Charts. So wurde ein Mann beschrieben, der Prostituierte in Rostock mit einem Messer attackierte. Die Zeitung normalisiert hier eine das Opfer abwertende Sprache und macht sich so zum Komplizen des Täters. Das Lesen solcher Schlagzeilen kann die betroffene Person zusätzlich traumatisieren; im Kriminologen-Jargon spricht man daher von einer «sekundären Viktimisierung». Auch ist die Wortwahl irreführend, da suggeriert wird, dass der Verbrecher sich nur auf eine bestimmte Zielgruppe konzentriert hat.

Die «Atlantic»-Journalistin Barbara Bradley Hagerty hat in ihrer herausragenden Reportage «An Epidemic of Disbelief» aufgezeigt, wie verzerrt das Wissen über manche Gewalttäter ist. Männer, die auf Prostituierte losgehen, können auch Menschen aus ihrem Umfeld gefährden oder durch Diebstahldelikte auffallen. Die «Bild» diskriminiert also nicht nur das Opfer, sondern gaukelt der Leserschaft vor, dass sie nicht betroffen ist, sofern sie nicht im entsprechenden Milieu verkehrt. So wird Gleichgültigkeit gegenüber den Schwächsten verstärkt und Sensationalismus der niedrigsten Sorte befriedigt.

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Genau so verheerend ist es, wenn Todesfälle sprachlich in Slapstick-Komödien verwandelt werden, so wie es letztes Jahr der Blick vormachte, indem er die «Teppich-Tote» erfand – es handelte sich um eine junge Frau, die tot in einem Teppich eingerollt aufgefunden worden war. Ob der Schöpfer des Begriffs stolz auf seine Alliteration war? Dabei kicherte?

Der Medienwissenschaftler Werner Früh zeigte mittels Rezeptionsstudien, dass die Vermischung von humoristischen Elementen und Verbrechen ­– zumindest in der Fiktion – die Empathie mit dem Opfer sinken lässt und den «Genuss» von Gewalt sogar erhöht. Diesen Mechanismus bedienen Medien auch, wenn sie Wörter wie «Sex-Gangster» (Bild) oder «Sex-Grüsel» (Blick) benützen.

«Journalisten sind Zyniker. Weil sie von Tragödien leben und sich dessen bewusst sind. Und weil sie selber auch emotional überfordert wären, würden sie sich ständig darüber Gedanken machen», schreibt SRF-Redaktor Maurice Velati in seinem Blog. Das ist etwas deprimierend und mag für viele zutreffen. Was jedoch immer über der strapazierten Journalistenseele stehen muss, ist der Opferschutz.

Da Boulevard-Medien von Sprachentgleisungen leben, werden sie wohl bei dieser Praxis bleiben – es sei denn, sie würden von nun an systematisch mit Klagen bombardiert. Für Journalisten und Journalistinnen, die nicht unter Druck stehen, bei einem Mord- oder Todesfall einen «sexy» Titel zu setzen, bleibt die Freiheit, sich bewusst für die «professionelle Distanz» und gegen Zynismus zu entscheiden. Beides ist gleichzeitig möglich.

Am Ende geht es oft um eine schlichte Status-Frage: Würde man dieselben Worte benutzen, um ein Gewaltverbrechen an einer Nobelpreisträgerin zu beschreiben? Nein? Dann sollte man es lassen.

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1 Kommentar

#1

Von T. Uhland
02.10.2019
Dasselbe gilt, wenn Leitmedien hartnäckig von "Ordnungskräften" schreiben oder reden, wenn diese von totalitären Regimen auf friedliche Demonstranten gehetzt werden. Derzeit etwa in Hongkong.

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