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Aktuell – 03.05.2017, 18:17

Podcasts sind das neue Radio

Podcast ist mehr als Radio, das jederzeit gehört werden kann. Podcast ist auch ein neues Audioformat. Storytelling im Ohr, sozusagen, oder auch – Radio ganz intim. Das Radio ist neu erfunden worden – zuerst in Labors abseits der grossen Medienhäuser.

Von Christoph Keller *

Ein dunkler Saal, die Studierenden haben sich auf die wenigen Stühle gesetzt, einige kauern am Boden zwischen den breiten, ausladenden Mischpulten. Konzentrierte Stimmung, das Treiben draussen in den Korridoren ist nicht zu hören. Jochen Kiefer, Professor im Fach Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste, führt kurz ins nächste Hörstück ein, nochmals eine kurze Stille, dann setzt eine Kaskade von Wortfetzen, Musik, Geräuschen ein.

Elf Minuten nur zuhören ist angesagt, im Dunkeln.

Was hier an der Zürcher Hochschule der Künste an einem Nachmittag im Januar stattfindet, ist Ausbildung in der Kunst der Feature, oder auch: des Erzählens mit Ton, Wort, Musik, Geräusch. Ein Kurs, der schnell ausgebucht war, ein Kurs, in dem mit Leidenschaft über Klangformen, Erzählstrukturen, Geräuschpegel und Dramaturgie debattiert wird.

Kunst fürs Ohr.

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Immer mehr Studierende interessieren sich für «Audio», viele bekennen, sie seien zu «Audiofreaks» geworden, zu «Radio-freaks». Eine Studentin erzählt, sie könne «stundenlang auf dem Sofa liegen und Radio hören», wobei Radio hören so viel heisst wie: Podcasts hören. Podcasts, das sind die Hörstücke, die man abonnieren kann, Radiosendungen, die von den Radiostationen online gestellt werden mit dem Ziel, dass sie zu jeder Zeit, an jedem beliebigen Ort gehört werden können mit dem Gerät, das dem neuen Medium den Namen gab, dem «iPod». Seit etwa fünfzehn Jahren produzieren alle Radiosender Podcasts, vom Popsender in San Francisco über alle Stationen von den «National Public Radio» überall in den USA hin zu BBC, Radio France; auch afrikanische Radiosender produzieren sie. Radio ist nicht mehr an bestimmte Sendezeiten gebunden, und Radio ist via Podcast auch ein intimes Medium geworden, eines, das man nicht mehr «broad» hört, also zeitgleich mit allen anderen an einem Radio-empfänger, sondern eben im «Pod», in einer Hülse.

Podcasts, mit einem Mal wurden sie hip.

Mag sein, weil dieses so smarte, leichte, kleine Gerät namens iPod es möglich machte, Stimmen aus der ganzen Welt mit sich herumzutragen, sie zu beliebiger Zeit zu hören, ganz für sich.

Podcasts setzen einen Trend fort, der mit den Hörbüchern begann, die man als CD kaufte, um sie konzentriert anzuhören, auf dem Sofa, im Kokon des Autos auf langen Ferienfahrten. Der Boom der Podcasts – er ging einher auch mit der Wiederentde-ckung von Klanginstallationen als Kunstform, mit «Audiowalks», mit dem «Sounddesign» in der Industrie und mit dem Revival klassischer Radioformate wie dem Hörspiel. Kurzerhand – es hat eine Wiederentdeckung des Hörens stattgefunden, eine allgemeine Rückbesinnung auf eine Kultur des Ohrs, die in den Sozialwissenschaften auch als «acoustic turn» bezeichnet wird.

Podcasts jedenfalls verzeichnen teilweise steile Wachstumsraten, während die Zahl der Hörerinnen und Hörer «on air» stagniert oder zurückgeht.

Radio, aber mehr. Am «SonOhr Festival» in Bern, der «schweizweit einzigartigen Plattform für aufwändige Hörstücke», gab es dieses Jahr ebenfalls nur ein Thema: Podcasts. Das Wort war in aller Munde, vor und nach der Vorführung der kürzeren und längeren Hörstücke im halbdunklen Saal im Kino Rex standen alle herum, an der Sonne, die Augen leicht gerötet, und alle sprachen nur über eines: über Podcasts.

Allerdings nicht über die «konventionellen» Pod-casts, also über jene Podcasts, die SWR oder Deutschlandradio oder ORF von bereits ausgestrahlten Sendungen online und im Abonnement angeboten wurden, man sprach nicht über die Podcasts des «Echo der Zeit» oder von «Kontext». In Erregung versetzte die Besucherinnen und Besucher des «SonOhr» jene neue Generation von Podcasts, die alle guten Eigenschaften des Radios aufnimmt, sie aber weiterführt, weiterentwickelt. Es ging um die «neuen», die «anderen» Podcasts, Formate, die ausschliesslich fürs Web produziert werden, sie werden nicht mehr «ausgestrahlt», sondern man kann sie «streamen» oder «downloaden». Man muss sie sich holen wie ein digitales Buch aus dem Regal des Web, und wie beim Lesen ist es auch beim Hören – anders als Radio sind diese Podcasts kein Begleitmedium, vielmehr ein Medium zum gezielten Hinhören.

«The Truth» ist einer der anderen, der neuen Podcasts.

Jonathan Mitchell, Gründer und Erfinder von «The Truth», ein smarter Mann mit dem weitläufigen Gestus eines New Yorkers, zeigte den Besuchern des SonOhr, mit welcher Sorgfalt, mit welcher Hingabe er die Folgen seines Podcasts produziert. Alle-samt fiktive Stories, die allesamt im Grenzbereich des Schauderns und des Schreckens angesiedelt sind. Jonathan Mitchell nimmt jede Szene mehrmals auf, schneidet die besten Sequenzen heraus, setzt sie wieder neu zusammen, mischt Hintergrund, Musik, Geräusche, ein Knacken, ein Quietschen, Rauschen und leises Fiepen dazu; am Ende hat er bis zu vierundzwanzig dichte Spuren, die jede Ausgabe von «The Truth» zum Erlebnis machen.

«The Truth» unter thetruthpodcast.com oder im Abonnement zu finden, ist eines jener aufwendigen Formate, die zur Zeit die Podcastszene begeistern. Eine Folge alle zwei Wochen, jede eine Überraschung, ein Hörgenuss, von Jonathan Mitchell per-sönlich anmoderiert, witzig, straight und nicht zum Nebenbeihören, man muss in «The Truth» hineinhören, auskosten.

Das ist auch bei anderen der Fall.

Bei «This American Life», einem Radioformat, das von Radioreporter Ira Glass bereits 1995 ins Leben gerufen wurde. «TAL», wie es von vielen Fans genannt wird, ist ein Storytelling-Format, in dem reale, nichtfiktive Geschichten aus dem Leben von Amerikanerinnen und Amerikanern erzählt werden, unmittelbar, direkt, «straight». «TAL», ursprünglich als «Radioshow» konzipiert, hat sich in der Zwischenzeit zu einem klassischen Podcastformat entwickelt, das alle dramaturgischen Kniffs und Tricks eines guten Podcasts aufweist. Die direkte, unmittelbare Ansprache des Hörers («Hello, this is This American Life, I’m Ira Glass, and I am joined in the studio by one of my producers, hello John» – «Hello» – «So where do we start»), der gekonnte Einsatz von  Musik, um eine Stimmung zu erzeugen, dann der  rasche Einstieg in eine Geschichte, die so mitreisst, dass man eine Stunde lang dranbleibt. Aus «This American Life» hat sich «Serial» entwickelt, ein Podcast, der in Episoden einen bestimmten Fall recherchiert und wiedergibt – gerade eben ist die neueste Ausgabe erschienen, «S-Town», eine siebenteilige Folge über Korruption in Alabama.

Flankiert werden «TAL» und «Serial» vom Flaggschiff aller Podcasts: von «Radiolab», einem Format, das investigativen Journalismus, die Neugierde für wissenschaftliche Fragen kombiniert mit einer subtilen, sorgfältigen und aufwendigen Dramaturgie.

Die Macherinnen und Macher von «Radiolab» drehen und wenden ihre Geschichten im aufwendigen «Editing» so lange, bis sie stimmen. Sie feilen an  jeder Minute, und so wird man denn in die Story buchstäblich hineingeschlürft wie in einen Schlund voller Sound, Sprache und Musik.

Podcasts wie «The Truth», «TAL», «Radiolab» oder «Serial» haben, so viel ist klar, ihre eigene Dramaturgie. Sie setzen einen aktiven, teilnehmenden Hörer voraus, eine Hörerin, die jede Finesse hört und auch hören will; darum dürfen sie auch nicht langweilen. Darum stellen sie immer eine Story ins Zentrum, entwickeln sie, indem sie ihre Protagonisten stark machen. Sie unterfüttern Cliffhanger mit Fakten und Informationen, verführen mit Sounds, mit Musik, dann und wann auch mit überraschenden Wendungen. Hollywood kombiniert mit Nouveau Roman, fraktale Heldenreisen, dann und wann ein Hochseilakt.

Die Lust zu hören. Für den europäischen Raum gibt es nur ein vergleichbares Medium, arteradio.

Arteradio, eine Tochter von arte, geleitet von Silvain Gire, bezeichnet sich selber als «Boîte de Bonbons», man produziert Documentaires, Fiktion, Portraits, Reportagen. Zwei Frauen, die vor laufendem Mikrofon via Tinder Männer begutachten, eine aufwendige Recherche über Alltagsrassismus, eine Serie über Einbrecher, die Liebesgeschichte zweier Senioren oder der Algerienkonflikt, mit Blick auf die Terroranschläge von heute – arteradio ist die tägliche Überraschung, ausgesprochen gut gemacht. Bis zu einer Woche wenden die Macherinnen und Macher manchmal auf, um zwei Minuten arteradio zu produzieren, sie schleifen, wenden, verbessern, leidenschaftlich, akkurat.

Natürlich gibt es auch die vielen anderen.

Podcasts, die bösartig als «Laberpodcasts» bezeichnet werden, auf denen eine, zwei, drei Personen zu einem Thema reden, über Politik, Sex, Sport, Journalismus, Krimi, Musik, Fitness. Eine Mischung aus Talk und Infotainment, sie sind rasch und billig gemacht, sie kommen und verschwinden auch wieder, Podcasts für «Special Interests». Alles, was die Szene hergibt, ist über iTunes oder über die Soundplattform Soundcloud zu finden und auf der Podcastfunktion jedes Smartphones, und wer wissen will, wie man einen Podcast technisch aufbaut, erfährt dies auf theaudacitytopodcast.com.

Keine aufwendige Sendestruktur. Die Verführung ist gross, rasch und mit wenig Qualitätsanspruch ins Podcastgeschäft einzusteigen, denn Podcasts sind im Vergleich zum klassischen Radio relativ günstig herzustellen. Bei den Talkformaten ist Stimmschulung nebensächlich, Interviewtechnik ebenfalls; zur Aufnahme genügen ein Laptop und ein kleines Mischpult mit Mikrofon. Das Editing lässt sich über ein kommerzielles Schnittprogramm herstellen, und es braucht keine aufwendige Sendestruktur wie bei Radios. Auch keine öffentlichrechtliche Konzession, in der so etwas wie Qualitätsansprüche formuliert werden.

Manche wollen in die Breite gehen.

«Viertausendhertz – das Podcastlabel» ist der Versuch, «Spannung, Information und Unterhaltung mit inspirierendem Sound» zu verbinden. Die vier Grün­derInnen des Podcasts sind Vorreiter im deutschsprachigen Raum und haben eigene Massstäbe gesetzt, weniger im Storytelling (da sind die englischsprachigen Podcasts besser) als im Anspruch, mit ihrem Podcast ein breites Spektrum des Informationsbedarfs abzudecken. Lokales aus Berlin, Reportagen aus aller Welt, Musik und Literatur, Wissenschaft – alles ist auf «Viertausendhertz» zu hören. Und der Podcast ist mittlerweile wirtschaftlich erfolgreich, auch über Werbung, die Redaktion kann Löhne und Honorare zahlen, wie Nicolas Semak am diesjährigen SonOhr erzählte.

Karg sieht es in der schweizerischen Podcastszene aus. Gerade mal einen Podcast konnten die OrganisatorInnen des diesjährigen SonOhr ausfindig machen, den Podcast «Menschen mit Ideen», der von Holger Ort in unregelmässigen Folgen produziert wird. Zu erwähnen ist auch «Journalismus Y», hergestellt von Luca Ghiselli und Angelo Zehr; leider wird die sehr schöne Reihe von «Wahre Geschichten», die Podcasts von Liveauftritten «ganz normaler Menschen», die über «ganz normale» Begebenheiten erzählen, nicht weitergeführt. Einen Podcast haben aber viele Organisationen, etwa der «Verein für kritisches Denken», einen Podcast führt auch avenirsuisse, der «Liberale Thinktank der Schweiz», darin finden sich meist abgelesene Statements oder Interviews.

Doch es fehle hierzulande an aufwendig produzierten, originären Podcasts, die einen eigensinnigen, konturierten Zugang zu einem Thema bieten.

Podcast first. Das mag auch darin liegen, dass der
Podcastmarkt in der Schweiz (wie auch in Deutschland) dominiert wird vom Podcastangebot der Rundfunksender, der privaten und der öffentlichen. Von Couleur» über SRF 2 Kultur, hin zu Deutschlandradio, SWR – alle bieten sie ihre Sendungen auf Podcasts an; neue, originäre Podcastformate haben es da schwer, und vielleicht fehlt es über weite Strecken an der besonderen, eingängigen Haltung, die für ein gutes Storytelling notwendig ist.

Schweizer Radio SRF geht da nun einen Schritt weiter. Bereits heute werden einzelne Sendungen wie etwa das Hintergrundformat «Kontext» (monatlich rund 120 000 Podcastdownloads) zuerst als Podcast angeboten, in derselben Version, wie sie am Radio ausgestrahlt wird. Neu wird nun die Sendung «Input», das Format für «verborgene Schauplätze, emotionale Geschichten, laute und leise Meinungen, hintergründige Analysen» vorab in einem verkürzten, eigens produzierten Podcast vertrieben, mit allem, was einen guten Podcast ausmacht: schneller Zugang zum Thema, direkte Ansprache, schnell auf den Punkt gebracht, und gutes Storytelling. Ob sich der «Input Podcast» als «Pod­cast first» bewährt, ist offen, aber der Trend könnte genau in die Richtung gehen – dass Podcasts zum Primärmedium werden und die Ausstrahlung am Radio nachgelagert wird.

Für alle, die gerne Podcasts hören, sind das gute Nachrichten.

Offen bleibt, wie in Zukunft das «broadcasting» des Massenmediums Radio und das intimere Format des «podcasting» formal aufeinander abgestimmt werden. Gut möglich aber, dass Radio sich tatsächlich zur durchmoderierten, mit Musik unterbrochenen Abfolge von exzellenten Podcasts entwickelt – Radio wird so definitiv wieder zu dem, was es im besten Fall immer ist und stets sein sollte: ein intimes, zugewandtes Medium, das ganz für die Ohren gemacht ist.

Ein erweiterter Frühling fürs Radio, sozusagen.

* Christoph Keller ist Autor und Redaktor bei «Kontext» (SRF 2 Kultur).
Der Text stammt aus EDITO 2/17.

 


Hinhören! Radio ist wieder hip

Weitere Beiträge zum Fokus-Thema "Radio" in EDITO 2/17 finden Sie in der gedruckten Ausgabe.

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#1

Von Ueli Custer
04.05.2017, 14:16
Der Artikel ist extrem stark darauf fokussiert, was man gerne haben will. In Tat und Wahrheit ist es in der Schweiz so, dass gemäss dem dem IGEM-digi-MONITOR 2014 gerade einmal 30% der Bevölkerung sagten, mindestens gelegentlich Podcasts zu hören. 2016 waren es noch 27%. Das ist zwar nicht ein signifikanter Rückgang aber ein Boom sieht doch ziemlich anders aus.

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