Archivbild vom 7. Mai 1973: Die «Washington Post»-Journalisten Bob Woodward (rechts) und Carl Bernstein während den Watergate-Recherchen.

Aktuell – 07.08.2019

Selfitis.

Wieso hängen Journalisten das eigene Gesicht überall ins Bild, obwohl es nicht um sie, sondern um eine Geschichte geht?

Nicoletta Cimmino*

Reporter Bob Woodward steht in einer schlecht beleuchteten Tiefgarage irgendwo in Arlington, Virginia, vor Parkplatz Nummer D32. Er wartet auf seinen Informanten, der verspätet ist. Woodward will die Zeit totschlagen, zückt sein Smartphone, hält es schräg über sich, grinst in die Kamera und drückt ab. Ein paar Minuten später sehen seine Follower auf Instagram den Schnappschuss, darunter steht #lifeofajournalist #ilovemyjob #dreambig.

Unvorstellbar? Wer weiss. Klar, die Watergate-Recherche von Bob Woodward und Carl Bernstein fand in einer anderen Epoche statt, in den 1970er-Jahren. Aber an Sendungsbewusstsein fehlt es  den Reporterlegenden der «Washington Post» bis heute nicht. Möglich also, dass sie damals, ausgestattet mit den heutigen technologischen Möglichkeiten am selben Syndrom gelitten hätten, wie viele Berufskollegen aktuell: Selfitis.

Selfitis. Das eigene Gesicht überall ins Bild hängen, obwohl es nicht um sie, sondern um eine Geschichte geht.

Eine ausgeprägte Selbstbezogenheit ist bei uns Journalistinnen und Journalisten nichts Neues. Neu ist: das Smartphone potenziert sie. Narziss spiegelte sich im Wasser. Wir brauchen dafür ein Display in der Hosentasche. Und ein paar hübsche Filter.

Das sieht dann so aus: Ein Ausland-Korrespondent ist auf Reportagereise in wilden Tälern weit weg von der Zivilisation. Statt Bilder von den Menschen zu sehen, mit denen er auf Reportage (hoffentlich) geredet hat, oder der Täler, sehen wir auf jedem Foto: ein Selfie.

Eine Reporterin berichtet von einer Grossdemonstration in Bern und postet dazu: ein Selfie.

Der Moderator einer Newssendung filmt sich selber in den Gängen des Fernsehstudios.

Die Kollegin aus dem Wirtschaftsressort hat kluge Gedanken zur gläsernen Decke, an der sich Topmanagerinnen nach wie vor den Kopf anstossen. Das ganze schickt sie an ihre Followerwelt mit: einem Selfie.

Ein Sportjournalist ist am Fussball-WM-Final im Einsatz. Ein Erlebnis, zweifellos. Wir sehen aber keine Fotos von jubelnden oder verzweifelten Fans, oder vom übervollen Stadion. Wir sehen: Sein Gesicht, strahlend.

Ich denke dann immer: Hübsches Gesicht, aber: was ist die Geschichte? Du, oder die Demonstration, du oder die wilden Täler, du oder die desillusionierten Managerinnen, du oder die verzweifelten Italiener, die soeben im Penaltyschiessen versagt haben?

Woher rührt die Selbstinszenierung?

Vielleicht lassen wir uns von der Ästhetik der sozialen Medien verführen. Vielleicht hören wir auf die Experten, die uns weismachen, wir müssen eine Marke sein. Vielleicht glauben wir schlicht zu wenig an die Magie des Geschichtenerzählens. Oder zu wenig an die Kraft guten Handwerks. Oder viel banaler und ernüchternder: Vielleicht sind wir zu selbstverliebt.

Zurück zu Bob Woodward. Er sagt sinngemäss, guter Journalismus werde an der Qualität der dargelegten Informationen gemessen. Nicht am Drama und den Feuerwerken drumherum. Ich denke, das trifft’s ziemlich gut. Vielleicht könnte man noch anfügen: Das Gesicht tut nichts zur Sache.

*Nicoletta Cimmino ist Journalistin beim «Echo der Zeit».

Aktuell

alle Beiträge

1 Kommentar

#1

Von Holger Mauch
09.08.2019
Frau Cimmino, diese Experten machen Journalisten "nicht einfach weis", sie müssten ein Marke sein, um auch in Zukunft zu bestehen. Schauen Sie sich doch einmal den Medienkonsum von Post-Millenials an, welche Medienformen bei denen populär sind auf Youtube und Instagram. Voilà. Die Verknüpfung einer Story mit einer Marke ist für die Zukunft unabdingbar, will man die Jungen nicht komplett verlieren. Und mit Marke meine ich nicht traditionelle Medienmarken, die sind sowieso out.

Ihr Kommentar

Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* = erforderlich

Sicherheitscode *