Aktuell – 28.10.2013

#Sesseltausch – Teil III

Das Experiment mit der Samstags-Nummer

Die Sondernummer des Tagi vom Samstag der "Sesseltausch-Woche" wählt als Schwerpunkt "Leben im Netz". Man kann die Ausgabe unter drei Optiken beurteilen: Einer strategischen, einer redaktionellen und jener des Produkts – also die klassische Blattkritik.

Die Redaktion legte erst am Montag das Thema fest, die Ressorts wussten am Dienstag davon. Das ist ambitioniert um nicht zu sagen spät für Sonderleistungen. Und das war das Konzept: Zusätzlich zur Aktualität soll die Samstags-Ausgabe zum Themenschwerpunkt vielfältigen Hintergrund sowie entsprechende Zusatzleistungen im Netz bieten. Zudem sollen die Möglichkeiten der Konvergenz genutzt und sichtbar gemacht werden. Und schliesslich soll diese Idee auch optisch umgesetzt werden – im Layout und mit Grafiken zu spezifischen Netzrecherchen.

Der Redaktion war schnell klar, welch grosse Aufgabe sie sich da vorgenommen hat. Trotzdem war das Engagement für diesen Sondereffort gross – wenigstens bei fast allen. Vielleicht hätten nicht alle Kollegen in den Ressorts die Vorschläge zu den Sonderthemen gleich ernst genommen, kommentierte später ein Redaktor. Unabhängig davon wurde an den Redaktionssitzungen schnell klar, dass einige Ideen kurzfristig kaum umzusetzen waren. Vielleicht hatte man sich – durch die Übungs-Anlage gezwungenermassen – zu schnell (oder zu spät) auf Themen festgelegt, welche sich als komplex erwiesen.

Interessant war zu beobachten, ob gewisse Themen eher unter dem Aspekt "Konvergenz umsetzen" oder aus einer vor allem

inhaltlichen Fragestellung gewählt worden sind. Aufgefallen ist mir eine Situation, in welcher ein Redaktor den Online-Crack fragte, wie man denn diese Vernetzung recherchieren und mit welchem speziellen Programm grafisch darstellen könne. Die Antwort des Online-Kollegen war: "Aber sagt diese Grafik dann inhaltlich überhaupt etwas aus?"

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Für den Beobachter überraschend war ebenfalls, dass auch noch Ende Woche unter den Online-Spezialisten nicht klar war, was in einzelnen Details denn technisch überhaupt alles möglich sei. Das Tagi-Team beschritt offensichtlich teilweise neues Terrain.

Gefordert waren in hohem Masse Produktion und Lay-Out: Neue Titelelemente, das Integrieren des CR-Code und ein anderer Umbruch mussten geschaffen werden, und gefragt waren offenbar mehr als sonst grafische Darstellungen.

Strategischer Aspekt

Der  strategische Aspekt wurde nie explizit diskutiert und es gab auch keine entsprechenden Vorgaben. Aber im Raum standen – durchs Thema "Netz" verstärkt – während der ganzen Woche Thesen und Fragen wie: könnten das Elemente sein, die Konvergenz künftig stärker umgesetzt werden könnte? Könnte das vielleicht die Samstags-Ausgabe der Zukunft sein? Wie kann Twitter eingesetzt werden?

So wurde diese Samstags-Nummer auch so etwas wie eine Fingerübung zu einer strategischen Zielsetzung: Die Fragen nach der Verschränkung mit Tagi-Online kamen an den Redaktionssitzungen offenbar regelmässiger als üblich. Plötzlich waren Stichwörter wie "QR-Code" oder "Twitter" Themen bei Kollegen, welche sich noch kaum damit beschäftigt hatten. Regelmässig wurden die Print-Themen nach Vorschlägen für konvergente Zusatzleistungen auf Tagi-Online abgeklopft. Die Antworten waren manchmal überraschend banal: "Dazu eine Bildstrecke im Online."

Blattkritik

Schaut man sich diese Samstags-Nummer vom 19. Oktober an, stellt man zuerst einmal fest: Ein ungewohntes und (finde ich) tolles Bild zum Hauptthema und ein Leitartikel auf der Front. Erstmals die Möglichkeit, via QR-Code auf die Zusatzleistungen im Online zuzugreifen. Und wichtig: eine Anleitung dazu. Grafisch fallen die Texte zu "Leben im Netz" durch die QR-Codes und die farbigen Spitzmarken auf – gut gelöst. Und zum Schwerpunkt werden mir etwas mehr längere Texte als üblich angeboten. Das freut mich als Samstags-Leser mit einem Anspruch auf "mehr" als beider normalen Tageszeitung. 16 Texte sind es insgesamt unter dem Haupt-Thema. Des Guten zuviel? Auch mich hat diese geballte Ladung dazu verleitet, mehr zu diesem Thema zu lesen, als ich es bei einzelnen Artikeln, welche da und dort einmal erschienen wären, gemacht hätte.

Der Text über das Ultimatum der Datenschützer gegenüber den Gratisangeboten der Softwarefirmen an den Schulen wäre als kleiner Primeur wohl auch in einer "normalen" Nummer so erschienen.  Der Text (inklusive Bild) über die Verbreitung der Handys in Afrika hat mir sehr gut gefallen – echter Hintergrund. Interessante Beiträge mit soliden Informationen bieten die Ressorts "Wissen" und "Wirtschaft". Andere Ansätze waren etwas gesucht – beim Sport gibt es sicher originellere Ansätze über Netzwerke in der Sportwelt als der etwas gesuchte Bezug von Heinz Günthardt zum Tennis-Netz. Positiv finde ich, dass man keiner Netz-Euphorie verfallen ist und zwei sehr geerdete Beiträge mit skeptischen Überlegungen zum Gebrauch der neuen Medien hineingenommen hat: das Interview mit IT-Experte Andrew Keen und die Überlegungen der Redaktorin und Bloggerin Michèle Binswanger zum Internet-Verhalten ihrer Kinder. Gespannt war ich auf den Text über die Vereinskultur: Vernetzung via die weit verbreitete Vereinstradition – ein hochspanendes Thema. Zwar habe ich einiges an Informationen erhalten – aber der Themenzugang war mir zu eng. Und den Bezug zwischen Vereinen wie TCS oder "Katholischer Frauenbund" und den politischen Parteien fand ich nicht überzeugend. Erhofft hatte ich mir mehr zum Niedergang des traditionellen Vereinslebens und die gesellschaftlichen Auswirkungen. Hoffentlich bleibt der Tagi (oder eine andere Redaktion) am Thema dran.

Interessant der Versuch, die digitale Vernetzung von Zürcher Stadtratskandidaten zu recherchieren und darzustellen. Das bedingt komplizierte Recherchen und schwierige Fragen an die grafische Darstellung. Der Text beschreibt unaufgeregt, wie denn die einzelnen Kandidaten die neuen Medien einsetzen. Daneben die schematische Darstellung des Netzes eines ausgewählten Kandidaten, die interessant aussieht. Aber der Text nimmt kaum Bezug, erklärt die Grafik nicht und so gelingt es mir kaum, daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Schade, dass hier nicht mehr erläutert worden ist – seis zum Inhalt dieser Vernetzungen oder auch zur vielleicht begrenzten Erkenntnis solcher Vernetzungsrecherchen.

Die Online-Ergänzung

Und schliesslich die Zusatzleistungen im Netz: Welcher Print-Text löst Fragen nach zusätzlichen Infos aus oder weckt Lust nach einem Nachtisch? Und wo lockt mich der Online-Hinweis auf zu zusätzliche Aspekte? Mir ging es bei keinem Text und keinem online-Hinweis so, dass ich Bedürfnis hatte, nachzuschauen. Die Texte standen für sich. Aber natürlich habe ich nachgeschaut, ob ich mit diesen Angeboten mehr aus dem Thema herausholen kann.

Wenn ich zum Essay über die "Ausspähung im Internet" unter "sichersurfen" die Service-Leistung suche – ein praktisches und sinnvolles Angebot – gelange ich ohne Kommentar auf die Seite des Deutschen "Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik". Beim Text über die eher digitalen Nachbarschaftskontakte des Washington-Korrespondenten finde ich sechs Bilder von dessen Quartierstrasse. Beim Text über ein Internetcafé in Zürich fünf etwas harmlose Bilder und den gleichen Text einfach nochmals. Für mich überraschend fand ich den (einigermassen) interessanten Zusatzwert unter "darbellay" beim Thema "Vereine": Normalerweise finde ich Interviews mit Darbellay langweilig. Hier macht er zur Situation der Vereine einige interessante Aussagen. Immerhin.

Mein kleines Fazit zu den Online-Ergänzungen: Am inhaltlichen Mehrwert der konvergenten Möglichkeiten kann man vermutlich noch arbeiten.

Sehr viel zum Thema "Netz" also an diesem Samstag.  Und was war eigentlich der Anspruch der Sondernummer? Einige interessante Texte zu sehr verschiedenen Aspekten des "Lebens im Netz" zu bieten? Das ist durchaus gelungen. Den Leser zu überraschen und anders als üblich zu packen – auch mit mehr Analyse und Hintergrund. Geschafft! Braucht es dazu eine solche thematische Schwerpunkt-Nummer? Ich bin mir in der Antwort unsicher, denn einen roten Faden kann ich durch diese Reflexionen zum Netzleben kaum erkennen.

NÄCHSTER TEIL: Die Bilanz von Miriam Meckel. Ein Interview.

*Der EDITO-Redaktor hatte während dieser Sesseltausch-Woche Zugang zu Redaktion und Sitzungen. Er verpflichtete sich, in dieser Zeit das Redaktionsgeheimnis einzuhalten und einige Spielregeln zu beachten.

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