Aktuell – 07.03.2021

Tamedia: Wenn Journalistinnen es satt haben

Fast 80 Journalistinnen aus Tamedia-Redaktionen haben einen Brief an Geschäftsleitung und Chefredaktion unterzeichnet, in dem sie anprangern, dass sich die Situation der Tamedia-Journalistinnen nicht verbessert, sondern verschlechtert hat. Sie berichten über deprimierende Szenen und stellen eine Reihe von Forderungen auf. Auf Nachfrage von EDITO hat Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia/SonntagsZeitung und Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia, darauf reagiert.

«Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen» – mit diesen klaren Worten wenden sich die 78 Unterzeichnerinnen eines offenen Briefs an Geschäftsleitung und Chefredaktion von Tamedia. Die Journalistinnen wehren sich, weil «die neuesten Entwicklungen im Unternehmen» sie befremden: Erneut hätten mehrere talentierte, erfahrene Frauen gekündigt, aus «Resignation und Frustration» darüber, dass sich die Situation für die Frauen auf den Tamedia-Redaktionen trotz anderslautender Statements nicht verbessert habe.

«Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert. Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt», heisst es unter anderem in dem Brief, dessen Anhang eine lange Reihe von detaillierten Szenen enthält, die Tamedia-Journalistinnen erlebt haben – und die einen beim Durchlesen deprimieren.

Tamedia hat sich selbst zum Ziel gesetzt, vermehrt das weibliche Publikum anzusprechen, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, denn man will zahlungswillige Leserinnen ansprechen. Wie, so fragen die Briefautorinnen, könne «eine derart männlich geprägte Redaktion» dieses Ziel erreichen?

Im Brief stellen die Unterzeichnerinnen sechs Forderungen und erwarten bis zum 1. Mai konkrete Vorschläge zu deren Umsetzung. Dazu gehören eine anonymisierte Umfrage zum Arbeitsklima, die von Tamedia schon länger angekündigte Verbesserung des Frauenanteils in Führungspositionen, eine aktive Frauenförderung, die Einführung einer oder eines Diversity-Beauftragten sowie ein standardisiertes Verfahren bei Fällen von Mobbing, sexueller Belästigung, Stalking, Hassnachrichten oder abwertenden Online-Kommentaren.

Und sie fordern «Anstand», mit den Worten «Wir erwarten, dass unsere Sichtweise und unsere Arbeit ernst genommen werden. Wir erwarten, dass die Beleidigungen und Beschimpfungen aufhören. Wir erwarten, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden.»

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EDITO hat bei Tamedia nachgefragt, wie die Reaktion auf den Brief ausfällt und wie Geschäftsleitung und Chefredaktion auf die Forderungen der Journalistinnen eingehen.

Folgende schriftlichen Antworten erhielten wir von Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia/SonntagsZeitung und Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia:

«Wir nehmen das Schreiben unserer Kolleginnen aus den Redaktionen und die Forderungen darin sehr ernst. Verschiedene der erwähnten Beispiele sind nicht akzeptabel und widersprechen komplett unseren Unternehmensgrundsätzen. Jegliche Art von Belästigung und Diskriminierung wird bei uns nicht toleriert. Wir werden den konkreten Vorwürfen nachgehen und diese sorgfältig prüfen.» 

«Was die formulierten Forderungen betrifft, so werden wir auch diese selbstverständlich eingehend prüfen, einiges wurde bereits unabhängig davon vorgängig von der Geschäftsleitung entschieden. Denn wir sind uns bewusst, dass die bisherigen Massnahmen zur Steigerung des Frauenanteils in den Redaktionen und insbesondere in Führungspositionen nicht ausreichen. Aus diesem Grund befasst sich im Auftrag der Geschäftsleitung von Tamedia seit Dezember eine interne Arbeitsgruppe unter der Leitung von Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, mit dem Thema Diversity, wobei die Frauenförderung momentan im Zentrum steht. Unter anderem hat die Geschäftsleitung von Tamedia entschieden, dass wir uns verbindliche Ziele setzen, welche Frauenanteile wir in den Redaktionen und den anderen Abteilungen von Tamedia sowie auf den verschiedenen Führungsstufen bis in 12 und 24 Monaten erreichen wollen. Des Weiteren wurde festgelegt, dass wir zusätzliche Vertrauenspersonen definieren, an die sich alle bei Tamedia wenden können, die Ungerechtigkeit in ihrem Arbeitsalltag erleben. Für die Redaktionen wurde Claudia Blumer mit dieser Aufgabe betraut. Dies in Ergänzung zu den bestehenden Stellen für Betroffene von sexueller Belästigung, Mobbing und Diskriminierung. Wir werden auch eine Befragung zum Redaktionsklima durchführen und uns Gedanken machen zu Arbeitsmodellen. Unsere letzte Lohnanalyse im 2019 hat keine Diskriminierung festgestellt; wir werden das aber nochmals prüfen. Bereits jetzt gilt, dass offene Stellen konsequent ausgeschrieben werden und bei der Besetzung die Diversity noch stärker als bisher berücksichtigt wird. So werden bei Neueinstellungen bei gleicher fachlicher Eignung die weiblichen Kandidaturen vorgezogen.»

À suivre …

In der Zwischenzeit hat sich Tamedia auch in den ihren Zeitungen und auf ihren Webseiten zum offenen Brief vernehmen lassen. Unter dem Titel «Zum Protest der Tamedia-Frauen. Tamedia muss und will das Betriebsklima und die Zusammensetzung der Redaktionen verbessern» äussern sich Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» und Arthur Rutishauser, Chefredaktor der Redaktion Tamedia Deutschschweiz und der «SonntagsZeitung» sowie Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia in einem Artikel.

À suivre …

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