Graffiti von George Floyd: Der Fall hat auch in der Schweiz die Debatte über Rassismus entfacht. (Bild: Keystone)

Aktuell – 29.06.2020

Über falsche Ausgewogenheit im Journalismus

Zum Einmaleins des Journalismus gehört auch das Gebot der Ausgewogenheit. Aber was bedeutet das bei Themen wie Rassismus?

Von Nina Fargahi

Der Mord an George Floyd ist eine Allegorie des Rassismus: Das Knie des Gesetzes im Nacken eines schwarzen Mannes, das ihn langsam und qualvoll erstickt.

In der Schweiz und auf der ganzen Welt gehen die Menschen gegen den Rassismus auf die Strasse. Denn alle wissen: George Floyd ist kein Einzelfall, Rassismus ist ein weltweites Problem. Und das nicht erst seit Kurzem.

Doch der mediale Umgang mit Rassismus erweist sich teilweise noch immer als unbedarft. Die beiden Arena-Sendungen zu diesem Thema haben dies anschaulich gezeigt. Unter dem Titel «Jetzt reden wir Schwarzen» lud die Redaktion von den vier Hauptgästen drei weisse Gäste ein. Darunter befanden sich unter anderem James Foley, ein amerikanischer Republikaner und Trump-Anhänger sowie die SVP-Nationalrätin und ehemalige Polizistin, Andrea Geissbühler. Insbesondere für Personen, die Rassismuserfahrungen machen mussten, war diese Diskussion kaum auszuhalten. Für Geissbühler gibt es in der Schweiz keinen Rassismus, lediglich Einzelfälle. Foley beschimpfte eine Teilnehmerin, sie habe kein Recht darauf, nicht (rassistisch) beleidigt zu werden, und fügte an: «C’est la vie». Die erste Arena-Debatte war missraten, daran hätte ein anderer Titel nicht viel geändert.

Eine grosse Bandbreite an Positionen allein vermag das Kriterium der Ausgewogenheit nicht immer zu erfüllen.

Zurück blieben nach der ersten Sendung ein Scherbenhaufen, gekränkte Teilnehmende und Frust beim Publikum. Auf sämtlichen Kanälen und auch bei der Ombudsstelle gingen zahlreiche Beschwerden ein. Die Arena-Redaktion beschloss deshalb, eine zweite Sendung zu diesem Thema zu machen. In der zweiten Sendung kamen ausschliesslich kundige Personen zu Wort. Diese Diskussion, die nun am runden Tisch erfolgte, war ebenfalls keine Kuschelrunde, aber sie war konstruktiv und informativ. Der Arena-Redaktion ist anzurechnen, dass sie Einsicht und den Mut hatte, eine zweite Diskussionsrunde zum Thema Rassismus einzuberufen. Warum nicht gleich beim ersten Mal so?

Mit der hehren Absicht, ausgewogen zu sein, lud die Redaktion für die erste Sendung auch Gäste ein, die den Rassismus herunterspielten und negierten. Dies führte aber ganz offensichtlich nicht zu einer fruchtbaren und ausgewogenen Diskussion, wie sich dies die Redaktion erhofft hatte.

Daher stellt sich die Frage: Was bedeutet Ausgewogenheit bei Themen wie Rassismus?

Nicht jeder unausgegorene geistige Hüftschuss oder sonstige Polemiken und Zynismen verdienen es, in einem Diskurs berücksichtigt zu werden.

Ausgewogenheit ist ein Qualitätsmerkmal im Journalismus. Medienschaffende suchen in der Regel nach möglichst konträren Positionen, um ein Phänomen zu beleuchten. Dahinter steckt der Gedanke, dass auf diese Weise ein Thema möglichst fair und unparteiisch abgedeckt werden kann. Dieser Gedanke ist grundsätzlich richtig und wichtig. Doch eine möglichst grosse Bandbreite an Positionen allein vermag das Kriterium der Ausgewogenheit nicht immer zu erfüllen. Denn Ausgewogenheit setzt auch voraus, dass Meinungen und Positionen erst dann berücksichtigt werden, wenn sie einer seriösen Auseinandersetzung mit der Thematik entsprungen sind. Nicht jeder unausgegorene geistige Hüftschuss oder sonstige Polemiken und Zynismen verdienen es, in einem Diskurs berücksichtigt zu werden. Nein, diese verhindern sogar einen echten Diskurs, wie sich dies anhand der Arena-Sendungen ablesen lässt.

Medienschaffende haben nicht nur auf die antagonistischen Positionen, sondern ebenfalls auch auf die Qualität dieser zu achten, um einen konstruktiven und informativen Dialog zu pflegen. Dass zum Beispiel Rassismus existiert und ein Problem ist, auch in der Schweiz, zeigen nicht nur die Proteste, sondern auch unzählige wissenschaftliche Studien, Berichte, Zahlen, Fakten. Dies bestritt in der zweiten Arena-Sendung niemand mehr. Die Erfahrungen und Haltungen der Teilnehmenden wichen dennoch gänzlich voneinander ab, wie beispielsweise jene von der Aktivistin Angela Addo und der SVP-Präsidentin von Val Müstair, Gabriella Binkert. Und trotzdem oder genau deswegen war eine fruchtvolle Debatte möglich. Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Arena-Sendung war die Ausgewogenheit der zweiten Sendung.

Die Entscheidung, worüber und wie  zu debattieren ist, liegt bei den Journalistinnen und Journalisten. Sie stehen in der Verantwortung, Themen umfassend, ernsthaft und seriös anzugehen, um bei der Bevölkerung eine differenzierte und aufgeklärte Meinungsbildung zu gewährleisten. Bei Themen wie Rassismus würde es sicherlich helfen, wenn die Redaktionen mehr Mitarbeitende mit Migrationshintergrund beschäftigen würden. Derzeit sind es rund drei Prozent bei einem Bevölkerungsanteil von weit mehr als einem Viertel. Auf diese Weise hätte es vielleicht schon bei der ersten Arena-Sendung geklappt. Auch SRF-Direktorin Nathalie Wappler sieht diesbezüglich Luft nach oben, wie sie in der zweiten Arena-Sendung gesagt hat. Das ist wichtig, denn dieses Thema wird seine Aktualität nicht verlieren und weitere Sendungen dazu werden nötig sein.

«Democracy dies in darkness», lautet der Slogan der Washington Post. Doch das ist nur die halbe Miete. Es reicht nicht, ein Thema lediglich ans Licht zu bringen. Es geht auch darum, wie das geschieht.

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3 Kommentare

#1

Von Bernhard
03.07.2020
Die Entscheidung, worüber und wie zu debattieren ist, liegt bei den Journalistinnen und Journalisten. Sie stehen in der Verantwortung, Themen umfassend, ernsthaft und seriös anzugehen, um bei der Bevölkerung eine differenzierte und aufgeklärte Meinungsbildung zu gewährleisten ...
Wirklich?
Sorry, das mainstreamtypisches und naives Wunschdenken.
Ich habe in meiner gesamten journalistischen Laufbahn (inzw. über 45 Jahre!) keinen einzigen Fall erlebt, bei dem ich bei politischen Themen freie Hand gehabt hätte. Jedes mal der Frame: «Es muss in die Ideologie unserer Zeitung passen.» Wo Zeitungen heute ideologisch stehen, wissen wir. Da ich diese Einseitigkeit nicht mehr länger mittrage, habe ich wieder in den Fachjournalismus gewechselt.
Da aber auch da Fakten so hingedreht werden sollen, bis sie mainstreamgenehm sind, publiziere ich inzwischen unbeeinflusst auf eigenen Plattformen oder in Kommentaren.

#2

Von Roland Grüter
03.07.2020
Von wegen falscher Ausgewogenheit: Die Kehrseite dieser Rassismusdebatte wird fast nie erwähnt. Alle Schwarzen sind nur Lichtgestalten, aber diese Aussage grenzt schon wieder an Diskriminierung.

#3

Von Victor Brunner
07.07.2020
Ausgewogenheit heisst auch Langeweile und geistige Inzucht. Die 2. Arena hat das gezeigt. Eine Frau ohne Mainstreamdenken war Frau Binkert. Dummer Mainstream wurde von Frau dos Santos repräsentiert die eine völlig alltägliche Frage: Woher kommst Du?, als rassistisch bezeichnete! Warum waren eigentlich keine PoC Männer am Tisch?

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