Aktuell – 05.04.2018

«Wir fordern eine digitale Allmend»

Der Unternehmer Moritz Zumbühl bringt zusammen mit dem Bündner SP-Grossrat Jon Pult und dem ehemaligen Watson-Chef Hansi Voigt die Medienvielfaltsinitiative aufs Parkett. Das Trio möchte einen neuen Verfassungsartikel schaffen.

Interview: Nina Fargahi

EDITO: Mit Ihrer Medienvielfaltsinitiative haben Sie am letzten Abstimmungssonntag einen Vorschlag lanciert. Darin geht es um Netzneutralität, Fake News, das Offenlegen von Algorithmen. Ein Potpourri?

Moritz Zumbühl: Unsere Medienvielfaltsinitiative ist ein Diskussionsvorschlag und keine fertige Initiative. Entstanden ist sie aus der Absurdität der «No Billag»-Abstimmung.

Was meinen Sie damit?

Es ging und es geht noch immer um die falschen Fragen, um Gebührenhalbierung, Stellenabbau, Online-Werbung. Das ist alles Quatsch. Und die SRG ist der falsche Feind, der einer Opfersymmetrie zum Opfer gefallen ist: «Weil die Privaten bluten, muss die SRG auch bluten.» Verkürzt gesagt: WTF?

Worüber müsste man stattdessen sprechen?

Über die grossen Fragen, wie zum Beispiel Netzneutralität: Das heisst, die Internet-Anbieter dürfen bestimmte Inhalte nicht bevorzugen. Ohne Netzneutralität kann kein zukunftsgerichteter Journalismus garantiert werden. Oder wir müssen über Verantwortung reden: Es geht nicht, dass Fake News auf sozialen Plattformen einem breiten Publikum vorgesetzt werden.

Gilt das auch für Facebook?

Natürlich. Facebook hat alle Mittel, verdient im Quartal 4 Milliarden US-Dollar. Facebook kann Internet über Zeppeline in die Welt bringen, aber ein Heer von Supernerds mit bestem Salär soll Fake News nicht bekämpfen können? Derweil werden in Schweizer Redaktionen die Leserkommentare von Hand moderiert.

Weshalb tut sich Facebook so schwer mit dem Kampf gegen Fake News?

Es würde die Marge schmälern und das Produkt verändern. Deshalb will Facebook gar nicht gegen Fake News ankämpfen, aber das geben sie nicht zu. Das ist, wie wenn man giftige Dieselfahrzeuge nicht vom Markt nehmen würde.

Sie äussern sich auch zu Copyright-Fragen.

Ich glaube an ein offenes, verlinkbares Internet, wo journalistische Artikel auffindbar sind, wo Meinungen divers sind, wo ein Diskurs herrscht. Ein anderes, besseres Mediensystem ist möglich. Ich glaube an die «Creative Commons Ökonomie», das heisst: Inhalte werden von einer Quelle erstellt, von einer weiteren bearbeitet und von einer dritten monetarisiert. In diesem Sinn: Wenn wir mit Gebühren die Erstellung von Inhalten bezahlen, sollen sie anderen zur Weiterverarbeitung und Monetarisierung zur Verfügung stehen.

Können Sie ein konkretes Beispiel machen?

Es gibt ein Newsereignis im Kreis 4. Die SRG verfügt über ein Video-Team, das Filmaufnahmen macht und ins SRG-Archiv stellt. Dann kann beispielsweise tsüri.ch dieses Material für ihre Berichterstattung verwenden. Im Idealfall ist auf der SRG-Seite eine aggregierte Liste mit Artikeln zu finden, welche die Privaten zu diesem bestimmten Newsereignis produziert haben. Die SRG würde als Drehscheibe fungieren, die den Traffic herumschickt.

Geht es etwas konkreter?

Ein plumpes Beispiel: Wenn man ein Produkt auf Amazon anschaut, steht darunter: «Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch XY.» Man sollte die SRG zwingen, das zu machen. Das Internet funktionierte ursprünglich so, dass man sich gegenseitig verlinkte, den Traffic teilte. Es gibt ein Sprichwort: «Do what you do best, and link to the rest.»

Sie fordern auch die Offenlegung von Algorithmen. Warum?

Algorithmen definieren im Internet, was man häufig sieht und welche Botschaft die Leute nicht erreicht. Wenn am Fall von Cambridge Analytica wirklich etwas dran gewesen wäre, hätte man sagen können: Offene Algorithmen sind in einer Demokratie wichtig, um zu sehen, wie und auf welcher Basis eine solche Kampagne möglich ist.

In der analogen Welt gibt es noch eine Art Kontrolle, denn im gemeinsamen Raum ist bei den Plakaten einigermassen sichtbar, wer wieviel bezahlt. Im Internet ist es unmöglich, die Verteilung von Inseraten einzusehen, wenn die Algorithmen nicht offen sind. Deshalb sind wir der Ansicht: Wer politische Werbung schaltet, soll das transparent machen.

 Gibt es einen Grund, weshalb Sie ausschliesslich Männer sind?

Es gibt weder einen Grund noch eine Entschuldigung dafür. Wir wollen ab dem 8. April nicht mehr nur Männer sein.

Was soll am 8. April passieren?

Es wird der erste Stresstest sein für die Initiative. Wir laden alle ein ins Kosmos Zürich, um an der Debatte teilzunehmen. Wenn sich eine Mehrheit findet, die diesen Vorschlag ebenfalls als notwendig erachtet, werden wir eine Art Organisationsteam aufbauen. Wenn es keine breite Basis gibt, war es die falsche Idee.

Was sollen die Verleger davon halten?

Die Initiative steht ein für ein neues vielfältiges Mediensystem, das in der digitalen Zeit funktionieren kann. Das müsste auch die Verleger interessieren, sie sind schliesslich nicht mehr die Einzigen, die Öffentlichkeit herstellen. Die Social Media werden immer mächtiger, und wir haben mittlerweile viel Erfahrung im Umgang mit ihnen.

Der Umgang lässt sich zusammenfassen: Wer bezahlt, erhält Reichweite.

Ich bin seit über 10 Jahren auf Twitter aktiv, und schon sehr lange auf Facebook – ich musste eine Email-Adresse von einer amerikanischen Universität faken, damit ich mich auf Facebook registrieren konnte. Die Reichweiten-Frage ist spannend und kompliziert: 2008 war bereits klar, dass die sozialen Netzwerke ihren Kern verraten werden. Wenn die Social Media wirklich sozial wären, dürfte Reichweite nicht käuflich sein. Aber momentan würde ich die Käuflichkeit von Reichweite nicht verbieten, denn sie gibt Privaten die Kraft zur Innovation.

Moritz Zumbühl ist Mitbegründer und Partner der Agentur Feinheit. Diese ist spezialisiert auf Online-Marketing und politische Kampagnen. Die Agentur hat die Website des Vereins «Nein zum Sendeschluss» erstellt. Zumbühl ist ausserdem Verwaltungsrat von tsüri.ch.

Am 8. April 2018 findet im Kosmos Zürich von 17 bis 19.30 Uhr eine Kickoff-Debatte mit dem Initiativkomitee und allen Interessierten statt.

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